Der Sieg des Illegitimitätsprinzips in der Liebe
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haben. Aber selbst innerhalb eines und desselben Kulturkreisesverläuft die Entwicklung nicht in einer völlig geraden Linie:die Richtung wird hier und da abgelenkt durch Gegen-teudenzen. Und nur im ganz großen Überblick können wirvon einer grundsätzlich einheitlichen und gradlinigen Ent-wicklung sprechen, die die Auffassung von der Liebe undihre Betätigung in unserer Epoche (immer: seit den Kreuz-zügen bis zu den drei Walzen Pauls oder der Einbürgerungdes Kokesverfahrens) durchlebt haben.
Das europäische Mittelalter hatte das kosmische Phänomender Liebe zwischen den beiden Geschlechtern wie alles mensch-liche Tun in den Dienst eines Höheren: Gottes gestellt. Sei esin der Weise, daß die irdischen Liebesgefühle unmittelbar ihrereligiösen Weih. n empfingen und auf überirdische Ziele abgelenktwurden (wie im Mariakultus), sei es, daß die Liebe institutionellgebunden und die sie bindende Institution (die Ehe) als gott-gewollte und gottgesegnete Einrichtung (das heißt also alsSakrament) anerkannt wurde. Alle nicht gottgeweihte oderinstitutionell gebundene Geschleehtsliebe war mit demStigma der „Sünde“ gebrandmarkt worden.
Eine grundsätzlich andere Auffassung vom Wesen derLiebe dringt in weitere Kreise wohl zurrst in den Jahr-hunderten des „Minnesangs“ ein; das heißt also etwa seitdem 11. Jahrhundert, das ja für die Verweltlichung derLebensführung in jeder Hinsicht den Anfang bildet: dasSchreckensjahr 1000 war überstanden, neue Silhergrubenwurden erschlossen, und die Beziehungen zum Orient fingenan, breiter und enger zu werden. In der Provence , die im11. und 12. Jahrhundert, wie man es ausgedrückt hat, einem„mitten im stürmischen Meere ruhig und heiter blühendenEilande“ glich, erklangen zuerst wieder die Töne einer freien,irdischen Liehe in den Liedern der Troubadours, die seitetwa 1090 ihren Anfang nahmen, um von der Mitte des 12.bis um die Mitte des 13. Jahrhunderts ihre Blütezeit zu er-