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1 (1913) Luxus und Kapitalismus
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Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe

leben. Auf sie folgen die deutschen Minnesänger, folgt vorallem in Italien eine große Schar von lyrischen Dichtern, dievon nichts als von der Liebe singen: nicht weniger als 126solcher Liebessänger aus dem Jahrhundert vor Dante begegnetman in einer der Sammlungen, die ich gerade zur Handhabe 48 .

Uns erscheint heute der ganze Minnesang unwahr, ge-drechselt, verkünstelt. Aber gerade darin erweist er sich alsder natürliche erste Anfang moderner Liebe. Es ist aus-gesprochene Pubertätserotik, die in der Verhimmelung derGeliebten, im Schmachten und Stöhnen, im Schwärmen undAnbeten sich erschöpft. Den festen Boden natürlicher Sinn-lichkeit betreten wir erst im Trecento, und wir vermögennicht einmal mit Bestimmtheit zu sagen, ob die Lebenskreiseder Minnesänger sich unmittelbar fortsetzen in der Gesell-schaft, die wir etwa um den päpstlichen Hof in Avignon oderum Boccaccios Fiametta versammelt finden. Will man einemGewährsmann wie Ulrich von Lichtenstein Glauben schenken,so wäre die liebesfreudige Zeit des Minnesangs eine Episodegewesen, die im 13. Jahrhundert ihr Ende erreicht hätte. Inseinem Vrouwenbuch (1257) klagt er, daß die Frauen nichtmehr so unbefangen wie früher mit den Männern verkehrten:sie trügen keine schönen Kleider mehr, verdeckten das An-gesicht mit dichten Schleiern und bängten sich Rosenkränzefrömmelnd um den Hals. Es ist ihnen, meint Ulrich vonLichtenstein , der frohe Lebensgenuß, der die frühere Zeit soliebenswürdig machte, schon fremd geworden. Die Männerhaben allein an der Jagd ihre Freude, brechen frühmorgensmit ihren Hunden auf, kommen müde am Abend heim, undstatt sich ihren Frauen oder Damen zu widmen, verbringensie ihre Zeit am Würfelbrett und trinken mit ihren Ge-sellen 49 .

Vielleicht gilt das aber auch nur für Deutschland , dasja (bis auf wenige Ausnahmen) für die Geschichte der Liebe