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1 (1913) Luxus und Kapitalismus
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Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus

wie Muther, dieser unvergleichliche Schilderer des Rokoko,dem auch die vorhergehenden Worte entnommen sind, es aus-drückt, zu einerSymphonie des Salons zusammengedichtet hat.

Mit der Tendenz zur Yersinnlichung des Luxus im engstenZusammenhänge steht die Tendenz zu seiner Verfeinerung.Verfeinerung heißt Vermehrung des Aufwandes an lebendigerArbeit bei der Herstellung eines Sachgutes, heißt Durch-dringung, Vollsaugung des Stoffes mit mehr Arbeit (soweitnicht die Verfeinerung in der Verwendung nur seltener Stoffebesteht). Damit wird aber auch der Spielraum namentlich fürdie kapitalistische Industrie, aber auch für den kapitalistischen Handel (Beschaffung ortsferner Stoffe!) wesentlich ausgeweitet.

d) Tendenz zurZusammendrängung in der Zeitnämlich. Sei es, daß viel Luxus innerhalb einer gegebenenZeit entfaltet wird: viele Gegenstände genutzt werden, vieleGenüsse durchgekostet werden; sei es, daß früher periodischeLuxusveranstaltungen nun zu ständigen Einrichtungen werden:aus Jahresfesten werden regelmäßig wiederkehrende Feste,aus Aufzügen an Jubeltagen werden tägliche Maskeraden,aus Schmausereien an Weihetagen und Quartalssaufereienwerden Diners und Soupers des Alltags; sei es (worauf ichbesondern Nachdruck legen möchte), daß in kürzerer Zeit dieLuxusgüter hergestellt werden, um rascher ihrem Besitzerdienen zu können.

Die Regel im Mittelalter war die lange Produktionszeit;Jahre und Jahrzehnte wurde an Einem Stück, an Einem Werkgearbeitet: man hatte keine Eile, es vollendet Zusehen. Manlebte ja auch so lange, weil man in einem Ganzen lebte: die Kirche,das Kloster, die Stadtgemeinde, das Geschlecht würden die Voll-endung sicher erleben, wenn auch der einzelne Mensch, der dieArbeit in Auftrag gegeben hatte, längst vermodert war. Wieviele Geschlechter haben an der Certosa von Pavia gebaut! DieMailänder Familie Sacchi hat während dreier Jahrhunderte,durch acht Generationen hindurch, an den Inkrustierungen