Der Luxus und die Industrie
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fühlbar macht; hier ist der Zusammenhang zwischen der Ent-faltung des Luxusbedarfs und der Entwicklung des Kapitalis-mus auch für die blödesten Augen deutlich, hier ist er mitHänden zu greifen.
Wenn wir nun aber ohne weiteres auf Grund auch ganzoberflächlicher Erfahrung feststellen können, daß zahlreicheIndustrien zur Befriedigung des Luxusbedarfs ins Leben ge-rufen sind, daß also viele Industrien „Luxusindustrien“ ge-nannt werden müssen, so drängt sich uns doch, sobald wirnäher auf die Sache eingehen, die Frage auf: ob denn derBegriff der Luxusindustrie nicht ein sehr ver-schwommener sei, und ob wir uns nicht zuvörderst verstän-digen müssen, was wir hier darunter verstehen sollen.
Luxusindustrien, wird man sagen, seien Industrien, dieLuxusgüter hersteilen: kostbare Gewänder, elegante Möbel,Schmuckgegenstände usw. Aber was sind denn, wenn wirgenauer hinsehen, Luxusgüter? Zweifellos zum Beispiel dieebengenannten, denen gemeinsam ist, daß sie einem Luxus-bedürfnis unmittelbar dienen, individuelle Gebrauchsgüter,Güter erster Ordnung sind. Wir werden also gewiß ohne Be-denken Betriebe, in denen jene Güter erzeugt werden, Luxus-industrien nennen dürfen. Ist aber eine Brokat- oder Samt-weberei nicht auch eine Luxusindustrie? Und sie stellt dochkein individuelles Gebrauchsgut, sondern ein Produktionsmittel
— den Stoff für die Kleider — her, also ein Gut zweiterOrdnung. Wenn aber eine Seidenweberei eine Luxusindustrieist (und es hieße dem Sprachgebrauch Gewalt antun, hießeauch Zusammengehöriges trennen, wollte man sie nicht sonennen), ist dann eine Seidenspinnerei nicht auch eine Luxus-industrie, dieweil sie den Kohstoflf für die seidenen Gewebe
— ein Gut, sagen wir Luxusgut dritter Ordnung — fertigt?
Wie aber: ist der Webstuhl, auf dem die Seide gewebtwird, auch ein Luxusgut, und sollen wir die Fabrikation vonSeidenwebstühlen eine Luxusindustrie nennen?