Der Luxus und die Industrie
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der reichen Leute, bei denen während der frühkapitalistischenEpoche „die Mode“ den Geschmack zu beherrschen anfängt,wechseln rasch. Und dieser rasche Wechsel führt auf dereinen Seite oft Absatzstockungen herbei und heischt auf derandern Seite vom Produzenten eine sehr starke Versatilitätdes Geistes, wenn er seine Produktion immer wieder den neuenAnforderungen anpassen soll. Die kapitalistische Organisationist nun aber viel eher als das Handwerk imstande, sowohlungünstigen Konjunkturen standzuhalten, als günstige aus-zunutzen.
Zu diesen allgemeinen, „in der Natur der Sache“ liegen-den Gründen kommt nun
3. der historische Grund, daß alle Luxusindustrien währenddes europäischen Mittelalters künstlich geschaffen wordensind, entweder von den Fürsten oder von unternehmungslustigenFremden. Der Fremde spielt bei der Entstehung der modernenIndustrie (wie ich an anderer Stelle ausführlich darlegenwerde) die entscheidende Rolle: von den Humiliaten an-gefangen, die in Florenz die Tuchindustrie begründen, bis zuden französischen Emigranten, die die Väter der BerlinerIndustrie sind, zieht sich eine ununterbrochene Kette vonWanderungen Industrieller und von industriellen .Gründungenin der Fremde durch sie. Was sie aber begründen, sind fastimmer Luxusindustrien, deren Entwicklung ja auch denLandesherren vor allem am Herzen lag.
Alle diese Industrien aber, die mit Bewußtheit und durchFremde ins Leben gerufen werden, erhalten von vornhereinein rationales Gepräge. Sie entstehen meist außerhalb deralten zünftlerischen Schranken und oft im Gegensatz zu denalteingewurzelten Interessen der ortsangesessenen Handwerker.Bei ihrer Etablierung sprechen keine Rücksichten, sprechennur Gründe der Zweckmäßigkeit, und deshalb vor allem auchsind sie der Boden, auf dem sich das neue, ökonomisch höhereWirtschaftssystem zuerst entfaltete.