Druckschrift 
3 (1838)
Entstehung
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203
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Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. 203

Staats zwo Sachen sind, welche einander begleiten, ohne die Ursacheund Wirkung von einander zu seyn. Alles hat in der Welt seinengewissen Zeitpunkt. Ein Staat wächst, bis er diesen erreicht hat; undso lange er wächst, wachsen auch Künste und Wissenschaften mit ihm.Stürzt er also, so stürzt er nicht deswegen, weil ihn diese untergra-ben, sondern weil nichts ans der Welt eines immerwährenden Wachs-thums fähig ist, und weil er eben nunmehr den Gipfel erreicht hatte,von welchem er mit einer ungleich größer» Geschwindigkeit wieder ab-nehmen soll, als er gestiegen war. Alle große Gebäude verfallenmit der Zeit, sie mögen mit Kunst und Ficrrathcn, oder ohne Kunstund Zicrrctthcn gebanct seyn. Es ist wahr, das witzige Athen ist hin,aber hat das tugendhafte Sparta viel länger gcblühct? - - Fernerkönnten wir sagen; wann die kriegerischen Eigenschaften durch die Gc-mcinmachuiig der Wissenschaften verschwinden, so ist es noch die Frage,ob wir es für ein Glück oder für ein Unglück zu halten haben? Sindwir deswegen auf der Welt, daß wir uns unter einander umbringensollen? Und wenn ja den strengen Sitten die Künste und Wissenschaf-ten nachtheilig sind, so sind sie cS nicht durch sich selbst, sondern durchdiejenigen, welche sie mißbrauchen. Ist die Mahlerey deswegen zuverwerfen, weil sie der und jener Meister zu verführerischen Gegenstän-den braucht? Ist die Dichtkunst deswegen nicht hochzuachten, weil ei-nige Dichter ihre Harmonien durch Unkcuschhcitcn entheiligen? Beydekönnen der Tugend dienen. Die Künste sind das, zu was wir siemachen wollen. Es liegt nur an uns, wenn sie uns scbädlich sind.

Wie glücklich wäre übrigens Frankreich , wenn cS viele dergleichenPrediger hatte. Welcher Damm wird die Lasier, die bey ihnen zuArtigkeiten werden, aushalte»? Welches sind die Meisterstücke, die nnSihr bcrüchugter Witz liefert? Sie sind zu zählen. Die Schriften aber,welche die Religion untergraben, und unter lockenden Bildern dieschimpflichste Wollnst in das Herz flößen, sind bey ihnen unzählbar.Eine philosopyirende Tyerese wird die Predigen» der Unzucht, undein unseliger Grabstichel hilft der Einbildungskraft derjenigen nach,welche ohne seine Schilderungen das Aergerniß nur halb treffen würde.Man sagt, das der Marquis d'A** Verfasser dieses eben so unwitzigals cckcl geschricbncn Buchs sey. Wir zweifeln aber. Der Urheberder jüdischen Briefe hat sich zwar oft genug als einen Feind der Re-ligion erklärt, niemals aber als einen Feind der Tugend. Tyerese