Die neueren Ansichten über Moralstatistik.
Vortrag, gehalten in der Aula der Universität zu Leipzig am 29. April 1871.
Ilildebrands Jahrbücher, 1871.
Man hal es oft sagen hören, daß es unmöglich sei, die Teilnahme ge-bildeter Hörerkreise für die Statistik zu gewinnen; denn diesedurch und durch realistische Disziplin biete kaum etwas anderes als diedürre Aufzahlung von Tatsachen und Größenverhältnissen, deren prak-tische Verwertbarkeit allerdings feststehe, deren höheres Interesse jedochmindestens zweifelhaft sei. Vielleicht ist dies absprechende Urteil nichtso ganz unberechtigt, wenn es sich auf einige abgelegenere Gebiete derDisziplin beschränkt, aber von der Moralstatistik gilt es nicht. Geradedieser Zweig, welcher sich mit der Aufzeichnung der menschlichen Hand-lungen beschäftigt, um Beiträge zur Erforschung der Gesellschaft zuliefern, erweckt seit etwa 35 Jahren die Aufmerksamkeit der allerver-schiedensten Forscher, von den Astronomen angefangen bis zu denTheologen, und die Erwartungen eines großen Publikums sind hoch ge-spannt, ob es vielleicht auf diesem realistischen Wege gelingen werde,einige Rätsel aufzulösen, deren bloß spekulative Behandlung nun einmalnicht mehr befriedigt.
Zwar ist die Disziplin so jung nicht mehr; denn der lang vergesseneDeutsche Süßmilch, welcher als ihr Gründer angesehen werden muß,schrieb sein Werk über die Veränderungen des menschlichen Geschlechts,als Friedrich der Große den Thron bestieg. Aber wenn auch der BerlinerKonsistorialrat in die Akademie gewählt und sein Werk vielfach neu auf-gelegt wurde —■ auf dem Katheder waren die zifferreichen Abhandlungennicht zu verwerten, und so schlief in Deutschland die neue Kunde sehrbald wieder ein und ward vergessen, bis der Belgier Adolf Quetelet, nichtim Zusammenhang mit der deutschen, sondern im Gefolge der fran-zösischen Wissenschaft, sie wieder weckte und zu neuem Ansehenbrachte.
Das gelang ihm allerdings nur dadurch, daß er ganz neue Wege ging,die mit den deistischen und teleologischen Ideen Süßmilchs nichts mehrgemein hatten. Er verstand es, die moralstatistischen Daten in Beziehungzu setzen mit einer Frage, die, seitdem es eine Philosophie gibt und so-lange als der Mensch fortfährt, über sich selber nachzudenken, stets
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