Quetelet als Theoretiker.
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sei die menschliche Gesellschaft in der Hauptsache von jenen natür-lichen Ursachen abhängig, während die sozialen „Störungen“ es zu keinerWirkung brächten, wenn man nur lange Zeiträume betrachte. Geradesowie etwa die Regenmenge in diesem Jahrzehnt dieselbe ist wie jm vor-hergehenden. Dieses Mißverständnis in der Auffassung der wirkendenUrsachen ist der eigentliche Grund zu den fast unbegreiflichen An-wendungen der Wahrscheinlichkeitsrechnung, die nun zu besprechensind. —
Schon die früher besprochenen anthropologischen Ideen Queteletssind unter dem Einflüsse der Wahrscheinlichkeitsrechnung entstanden,deren Wichtigkeit für die Statistik schon von Laplace und Fourierim allgemeinen hervorgehoben war und um deren faßliche DarstellungQuetelet große Verdienste hat. Weniger leicht ist es den genanntenMännern gewesen, genauer anzugeben, in welcher Weise dieser schwierigeKalkül nützlich gemacht werden könne, sobald man mehr als die ganzunmittelbare Verwendung bei Glückspielen oder beim Versicherungs-wesen im Auge hat, und doch verlangt Quetelet fortwährend, daßsowohl Bevölkerungs- als Moralstatistik mit Hilfe desselben wissenschaft-lich zu begründen seien. Die Schwierigkeit der Ausführung liegt hierbeinicht allein in den hohen analytischen Hilfsmitteln. Die ganze Disziplinselber mit dem mangelhaft umschriebenen Begriffe des „Ereignisses“und des „Unabhängigen“ hat ihre Dunkelheiten, die sich, wie ich fürchte,zuweilen auf die Dämmerungen der Statistik herabsenken.
Die Statistik ist als Messungsdisziplin unverkennbar die Stiefschwesterder Astronomie, der Geodäsie und anderer Töchter dieser Familie. Seit-dem sie nun nicht mehr als Aschenbrödel behandelt wird, verlangt manvon ihr, sie solle sich standesgemäß mit einer Theorie der Beobachtungenumgeben. Wenn man schon drei oder vier Beobachtungen über ,denMeridiandurchgang eines Sternes oder mehrere Messungen der Winkel-distanz zweier Sterne unter sich zu vereinigen suche durch die Theorieder kleinsten Quadrate, so müsse von dieser Theorie nirgends ein so aus-giebiger Gebrauch gemacht werden können als in der Statistik, wo manmeist schon mit Tausenden von Beobachtungen anfange. Quetelet schärft es ein, vom Jahre i 835 bis 1866, daß die Genauigkeit wachsewie die Wurzel aus der Zahl der Beobachtungen, und man sollte denken,der Statistiker sei so untrennbar von der Theorie der kleinsten Quadratewie die Schildwache von ihrem Gewehr.
Gleichwohl gibt es gewissenhafte Arbeiter auf diesem Gebiete, welche