u
I. Statistik.
die genannte Theorie entweder gar nicht kennen oder sie trotz der Be-kanntschaft mit derselben nicht einmal als Luxus anwenden, geschweigedenn für unentbehrlich halten — und zwar mit Recht. Bei näherem Zu-sehen finden wir nämlich, daß sich nur äußert selten eine Gelegenheitbieten dürfte. Jene Theorie hat zur Aufgabe, Beobachtungen zu ver-einigen, die über eine einzige Größe vorliegen. Der Meridiandurchgangeines und desselben Sterns muß von verschiedenen Beobachtern notiertsein, die nun ein gemeinsames Resultat hersteilen wollen. Wann ist aberder Statistiker in der beneidenswerten Lage, über mehr als eine Beob-achtung zu verfügen! Unsere Volkszählungsaufnahme besorgt die Polizei-verwaltung und niemand neben ihr; unsere Buchführung über den Zivil-stand liegt auch nur einer Art von Behörden ob; die Kriminalstatistikhat keinerlei Quelle außerhalb der Justizverwaltung, und unsere Rekrutenwerden bloß militärisch gemessen. Anders läge der Fall, wenn zum Bei-spiel in Berlin die nächsten Volksaufnahmen erstens von der Polizei-direktion und zweitens, ganz unabhängig davon für denselben Zeitpunkt,auch vom Magistrat angestellt würden 8 9 . Dann könnte man von zweiBeobachtungen sprechen, die, da sie einander nicht decken werden, aus-zugleichen sind. Ein solcher Fall liegt fast nie vor. Die Anwendung derBeobachtungstheorie, prinzipiell nicht ausgeschlossen, ist also praktischfast nie geboten.
Aber wenn man für Berlin 800 000 Einwohner findet, sind das nicht800 000 Beobachtungen? Gerade als wenn, weil der Mond 5 o 000 Meilenvon der Erde entfernt ist, jede Meile eine Beobachtung für sich wäre!Auch das ist keine Analogie, wenn ich hier die Sterblichkeit eines ein-jährigen Zeitraumes und dort die eines neunjährigen Zeitraumes habe,die letztere Messung für V 9 = 3 mal genauer zu halten, denn dort wiehier hat man nur eine Beobachtung. Die Regenmenge zum Beispiel, diein einem Jahr gefallen ist, ist um nichts schlechter bekannt als diejenige,welche in neun Jahren gefallen ist. Wenn man für meteorologischeSchlüsse die letztere vorzieht, so liegt der Grund darin, daß wegen derAbgeschlossenheit der Atmosphäre hier keine unbegrenzte Abwechslung
8 Der einzige, mir augenblicklich erinnerliche Fall ist bei einer Volkszählungin Berlin im Jahre 1747 vorgekommen: Polizei und Garnison führten gesonderteZählungen aus, und es fanden sich bürgerliche Einwohner (also ohne die mili-tärischen) :
„nach der Zehlung der Polizey. 85,054“
„nach der Zehlung des Gouvernements. . . 85,319“
(vgl. Süßmilch, Götti. Ordnung, Ausg. von 1765, Erster Teil, S. 263).