52
I. Statistik.
Man sollte es nicht glauben, daß Quetelet niemals die Unverträg-lichkeit aller dieser Richtungen bemerkte, sondern sie friedlich neben-einander hausen ließ; aber es findet sich, trotz der zahlreichen Stellen,die einander wörtlich bekämpfen (wie z. B. in bezug auf die Freiheit desWillens), keine Stelle, die verrät, daß er sich irgend dieses Zwiespaltesbewußt war.
Sonderbare Widersprüche linden sich also in seinem Wirken. DerAstronom begibt sich in das Gebiet der Sozialwissenschaften, und geradedie Anwendungen der Mathematik gelingen ihm weniger. Wie alle Natur-forscher, ist er geneigt, gefundene Zahlenverhältnisse, mögen sie ge-hören wohin sie wollen, als Äußerungen starrer äußerlicher Gesetzezu begrüßen, und doch muß er es sein, der fast widerwillig das lebendigsich Entwickelnde unbefangen als ein Lebendiges betrachten lehrt. Alsvon einem Vertreter der Exaktheit erwartet man von ihm die Begründungmessender Methoden; aber das ist es nicht, worin er sich auszeichnet.Er als Realist und Verächter der Spekulation müßte eigentlich einemstrengen Gedankengang zu Liebe eher einseitig und folgerichtig sein,anstatt überreich an Einfällen und ohne allen Halt in der Durchführung,ja ohne Zusammenhang in der Darlegung seiner einzelnen Lehren. AlsForm seiner Darstellung hätte man trockene Sachlichkeit erwartet, undman findet die anregende Beweglichkeit eines Feuilletonisten, jedoohwieder ohne Gefühl für die Grenze des Ernstes. Sein Denken ist sprung-haft, und nichts gelingt ihm weniger, als in den Gedankengang andererSchriftsteller einzudringen, die er doch fleißig anführt. Ein fruchtbarerKopf, der jeden Gegenstand bald so, bald so betrachtet und doch keinUrteil hat über die Tragweite seiner Ergebnisse, deren jedes ihm alswichtigstes erscheint.
Wie läßt sich das alles vei’einigen, als indem wir ihn als einen ge-dankenreichen, aber unmethodischen und daher auch unphilosophischenGeist auffassen, der mächtig angeregt durch Laplace und Fourier,die Bedürfnisse der exakten Wissenschaften auf das Gebiet der Sozial-wissenschaften verpflanzte. So gelang es ihm vielleicht gerade durchdie Mischung des Unverträglichen so anregend zu wirken, wie keinfrüherer Schriftsteller es vermocht hatte. Von dem vielen, was er anregt,wird nur weniges Geltung behalten, und auch die Durchführung wirdandern besser gelingen als ihm; aber der kühne Versuch, den Sozial-wissenschaften eine Bereicherung zu verschaffen durch Veredelung derStatistik, wird sein unvergängliches Verdienst bleiben.