Quetelet als Theoretiker.
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Die Statistik, wenn man sie auch längst in diesem Sinne .verwendethatte, mit Bewußtsein für ein Werkzeug der Untersuchung zu erklären,ist wohl der am vollständigsten zur Geltung gebrachte Gedanke des„Sozialphysikers“, dessen theoretisches Wirken auf den vorausgehendenBlättern dargestellt und beurteilt ist. Der andere glückliche Griff istdie Verwendung der Moralstatistik, deren kulturhistorische Bedeutungman schon erkannt hatte, zu dem Zweck, die menschliche Gesellschaftals ein Ganzes von eigentümlicher Entwicklung nachzuweisen. Die so-zialphilosophische Verwendung zeigt zwar dem Nationalökonomen unddem Historiker nichts ganz Neues, aber das Bekannte von einer neuenSeite; daneben ist sie wichtig für die große Menge der naturwissenschaft-lich Gebildeten, denen gerade von hier aus das Verständnis für die Sozial-wissenschaften am leichtesten vermittelt wird. Die anthropologischenLeistungen mußten hier nur berücksichtigt werden wegen der engenVerbindung, die sie bei Quetelet mit den anderen Arbeiten haben. Diegemeinverständliche Darstellung zu würdigen, welche viele schwierigeSätze der Wahrscheinlichkeitsrechnung durch Quetelet gefunden haben,überlassen wir den Mathematikern.
Diesen anzuerkennenden Fortschritten, die man dem belgischen Theo-retiker verdankt, stehen zahlreiche weniger geglückte Versuche gegen-über. Er hat wenig oder keinen Sinn für den eigentlichen Geist der Be-völkerungsstatistik, wovon doch Süßmilch und Malthus längst Probenniedergelegt hatten. Neben seiner tieferen Auffassung der Moralstatistikzieht sich die anthropologische hin mit ihrem unhaltbaren Hang undTrieb. Er hat keine Anschauung von der Gesellschaft, vermengt daherSozialwissenschaft und Anthropologie, macht in bezug auf angewandteMathematik die verkehrtesten Vorschläge und liebt unhaltbare Vergleichemit der Mechanik. Da die letztere Disziplin ihm am geläufigsten ist, soläßt er sich leicht in einer Verkündigung äußerlichster Gesetzmäßigkeitgehen, die trotz ihrer völligen Unzulänglichkeit zur Erklärung der Tat-sachen doch die weiteste Verbreitung fand, weil sie leicht faßlich undherrschenden Wünschen bequem war.
Man sieht also, daß in seinen Werken schon die Keime zu fast allenden verschiedenen Bichtungen verborgen sind, die später hauptsächlichin der Moralstatistik auseinanderliefen: Buckle hatte mehr die äußer-liche Gesetzmäßigkeit ergriffen, Drobisch die natürliche Auffassungentgegengehalten und die sozialphilosophische in Erinnerung gebracht,der sich dann Oellingen ganz hingab.