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I. Statistik.
(nur), daß man bei gleicher Einrichtung der Gesellschaft jährlich aufdie gleiche Wiederkehr der Erscheinungen rechnen darf. Für weit ab-liegende Zeiträume, fügt er i848 hinzu, würde die Voraussetzung einergleich beschaffenen Gesellschaft nicht mehr zutreffen. Man ändere über-haupt nur die bestehende Ordnung, und man Avird alles sich ändernsehen, was bisher so beständig wiederkehrte. Warum überhaupt sichwundern über die Vorgänge in der Gesellschaft. Wenn ich in der Nachtvor meinem Hause das Pflaster aufreiße, so wundere ich mich auch nicht,wenn ich am anderen Morgen höre, daß viele Leute darüber Arm undBein gebrochen haben.
Auch dies sind Worte des Meisters, auf die man aber seltenerschwören hört. Denn die kühlere Auffassung, bei der man fast fragenmöchte, wozu denn überhaupt die Statistik gut sei, trat unAvillkürlichgegen die astronomischen Übertreibungen in den Hintergrund, ähnlichjenem weniger gut berittenen Begleiter dessen, der jede Bauernschenkefür ein fürstliches Schloß ansah. In den Wahnbildern dort und in denNüchternheiten hier liegen nur Ausschreitungen nach verschiedenenBichtungen vor; jene liefern nichts Wahres, diese nichts Neues, und diewirklich fruchtbare Gedankenkette bleibt allein die sozialphilosophische— wenn der Ausdruck erlaubt ist, die oben bei Gelegenheit der Moral-slatistik besprochen vvurde.
Die Statistik liefert also nicht die Zahlen werte für das Wirken äußer-licher Gesetze; sie ist aber auch kein leeres Additionsexempel, sondernein realistisches Hilfsmittel, um die Gesellschaft als ein langsam sichentAvickelndes, von den verschiedensten Einflüssen berührtes Wesen voneigentümlichem Bau zu erkennen. Das ist es, Avas früher als echter Inhaltder Werke Quetelets erklärt Avurde (vgl. diese Jahrbb. Bd. XVI, 1871 ,S. 2 5o). Der Mensch, sagt er im Jahre i835, befindet sich unter demEinfluß von Ursachen. Man kann dieselben nebst ihrer Wirkungsweisenäher bestimmen, doch wenn es gelingen soll, muß man seine Auf-merksamkeit auf die Massen richten und nach Anleitung der Wahrschein-lichkeitsrechnung vorgehen. Der Satz ist richtig in dieser Allgemeinheit,nur die Ausführung erregte oben entschiedenen Widerspruch. An eineranderen Stelle des Werkes „Sur l’homme“ heißt es: unser Studium derGesellschaft hat den ZAveck, diesen Avichtigen Gegenstand nicht weitereiner Art von Empirismus zu überlassen, spndern die Mittel darzubieten,um direkt die Umstände nachzuAveisen, Avelche auf die GesellschaftAvirlcen und den Einfluß derselben sogar zu messen.