Der Ursprung der Sklaverei in den Kolonien.
Alexander von Humboldt hat über die modernen Kolonien gesagt:in ihrer Geschichte gebe es nur zwei merkwürdige Ereignisse — ihreGründung und ihre Trennung vom Mutterlande. Ist dies so, dann sindjene beiden Gegenstände jedenfalls aus sehr verschiedenen Gesichts-punkten anziehend; der Abfall ist es, als ein plötzliches politisches Er-eignis, bei welchem durch Spaltung ein neuer Staat entsteht. Hiermithaben wir es heute nicht zu tun. Die Gründung dagegen bietet uns einenlangsamen sozialen Vorgang dar, die Entstehung eines neuen Volkes unddie Entstehung der wirtschaftlichen Einrichtungen desselben. Auch hierscheiden wir die Entstehung des neuen Volkes im ethnographischenSinne aus; nicht wie die Mischlinge der heißen Zone Amerikas ent-standen sind, wohl aber wie sie ihre gesellschaftliche Ordnung begründethaben, wollen wir betrachten, und zwar vor allem dies: welche Rollehat bei der Gründung der spanischen und portugiesischen KolonienAmerikas die Sklaverei gespielt.
Die Sklaverei in jenen Ländern ist zwiefach: es gibt eine rote undeine schwarze; erstere die der Eingeborenen, letztere die der Neger.
Die Sklaverei der Neger hat sich länger erhalten, hat sich bis indie Südstaaten der nordamerikanischen Union verbreitet und da sogarden Anlaß zu einem Bürgerkriege gegeben, der noch allgemein im Ge-dächtnis der Leute lebt. So denkt man wesentlich an die Schwarzen, wennvon Sklaven die Rede ist. Aber die Sklaverei der roten Rasse ist, obgleichsie früher ihr Ende gefunden hat, doch für den ersten Anfang des kolo-nialen Lebens wichtiger.
Wir mit unseren modernen Empfindungen, mit dem Bedürfnis nachSchonung unserer Gefühle, in Ländern lebend, wo das schlichte Aus-sprechen einer unangenehmen Wahrheit als etwas Unhöfliches emp-funden wird — wir müssen uns künstlich wappnen gegen die Härte derEreignisse, die uns am Anfang des 16. Jahrhunderts entgegen treten.
Viele Schriftsteller meinen noch immer, es sei besonders auffallend,wenn Kolumbus oder Cortes eine Rauheit der Seele zeigen, die an Roheitstreift. Aber sie hatten Welten zu entdecken, fremde Reiche zu stürzen,neue Völker zu gründen. Nicht durch Feinheit glänzen sie, wohl aberdurch Kraft.