72 II. Die Landarbeiter in Knechtschaft und Freiheit.
hammedaner liefern. Der Sklavenhandel ist stets grausamer gewesen alsdie Sklavenhaltung.
Daß gerade die Freunde unserer tropischen Kolonisation neuerdingsdie entschiedenste Stellung nehmen gegen jene ostafrikanischen Sklaven-händler, kommt mit daher, daß die mohammedanischen Machthaberunseren noch jungen Besitzstand gefährden. Dies ist der nächste Anlaß,weshalb wir uns um jene längst bekannten Übelstände bekümmern. Eskommt hinzu, und wer könnte das leugnen: die Schilderungen neuererReisender haben unsere menschenfreundliche Gesinnung aufgeweckt, undda wir nun einmal angefangen haben, uns auf der afrikanischen Küstegellend zu machen, so wollen wir unsere Kraft auch in den Dienst derMenschlichkeit stellen.
Der ernstere Forscher in der Entwicklungsgeschichte der Kolonienwird aber nicht übersehen, daß eigentlich tropische Kolonisation undSklaverei miteinander liebäugeln.
In den letzten vier Jahrhunderten hat sich nun die kapitalistischeUnternehmung unermeßlich gestärkt und ausgebreitet. Haben wir dochzum Beispiel beim Panama-Kanal gesehen, welche ungeheuren Summenfür überseeische Unternehmungen blindlings hingegeben werden, wennein großer Name, wie Lesseps , Erfolg verspricht. Wenn ein ähnlichesVertrauen für Plantagenwirlschaft erweckt würde, so dürfte das Groß-kapital sich aus seinen Schlupfwinkeln herauswagen und massenhaftfür tropische Kulturen zur Verfügung stehen, während es jetzt nochschüchtern ist, vermutlich weil es die einfache Sicherheit vermißt, welcheerst durch militärische Besetzung fester Punkte geboten wird.
Gesetzt diese Vorfrage wäre erledigt, so wird sich sofort die großeSchwierigkeit der Beschaffung der niederen Arbeitskräfte zeigen. Inbezug auf höhere leitende Kräfte besteht ja in unserem Vaterlande ganzund gar kein Mangel, da schon jetzt jeder junge Techniker und jederLeutnant sich im stillen überlegt, ob er nicht Urlaub nach Sansibar er-bitten soll. Aber die niederen Arbeitskräfte, wie steht es da?
Bei allen Schilderungen des Müßigganges der Eingeborenen tropi-scher Länder hört man eine gewisse Entrüstung heraus, daß diese un-kultivierten Leute nicht arbeiten wollen. Was geht uns denn ihr Müßig-gang an, daß wir uns darüber ereifern? Nun wer sieht nicht, was unsdaran ärgert: möchten sie immerhin nichts arbeiten, solange wir zuHause bleiben; uns entrüstet ja eigentlich nur, daß die Leute, nachdemwir bei ihnen erschienen sind, nicht für uns arbeiten wollen.