Die Landarbeiter bei der Stein-Hardenbergiaehen Gesetzgebung. \ ]Q
und sie alle wurden frei, sie alle wurden von den Fronden entlastet. Waswar nun die Folge für den russischen Gutsherrn? Die größte Verlegen-heit in bezug auf Arbeitskräfte! So ärmlich auch die Bauerngemeindenleben, so war doch die Ärmlichkeit ganz allgemein, es war kein Teilder Bauern schlechter als der andere Teil gestellt, es war kein Teil derBauern im Fron Verhältnis geblieben. Der Gutsherr war also genötigt,mit den freigewordenen Gemeinden Verträge auf Arbeitsleistung abzu-schließen. Man ging zu einem System der Hilfsdienste über. Die Bauern-gemeinden verpflichteten sich, gegen Lohn, dem Gutsherrn soundso vielSpanndienste, soundso viel Handdienste zu leisten. Das taten die Bauernsehr ungern, denn der veränderte Rechtsgrund tröstet den Bauer nichtüber den Fortbestand der Tatsache, daß er für den Gutsherrn arbeitet;und dem Gutsherrn war damit auch nicht viel geholfen, denn der nunausbedungene, statt erzwungene, Bauerndienst wurde schlecht geleistettrotz der Bezahlung. So hat sich der gutsherrliche Betrieb in Rußland nach der Bauernbefreiung nicht gehoben; an vielen Orten mußte sogarder Eigenbetrieb aufgelöst, die Verpachtung des Herrenlandes eingeführtwerden; wo aber der Eigenbetrieb beibehalten wurde, ist er durch dasSystem der Hilfsdienste weit weniger lohnend als vorher; der russischeEdelmann sagt, halb im Ernst und halb im Scherz: Früher haben wirChampagner getrunken, und jetzt trinken wir Bier. Er wartet nun, bisdie Bauerngemeinden abgewirtschaftet und sich durch Landverlust inbloße Lohnarbeiter verwandelt haben: dann werden sich die Be-dingungen des schwunghafteren Betriebs wieder einstellen, und derrussische Landadel wird dem deutschen in gleicher wirtschaftlicher Kraftgegenüberstehen.
Solche Krisen hat der nordostdeutsche Rittergutsbesitzer nicht er-lebt, und zwar nur deshalb nicht, weil im Augenblick der Befreiung desBauernstandes ein ländlicher Arbeiterstand übrig gelassen, gleichsam aus-gespart worden ist.
Die beibehaltenen Handfröner reichten übrigens nicht aus für dasvergrößerte Rittergut. Es mußten noch neue Arbeitskräfte hinzukommen ;woher kamen die? Zum Teil daher, daß gewissen spannfähigen Bauerndie Regulierung versagt blieb, insbesondere denjenigen, die durch Fried-rich des Großen Bemühungen neu angesetzt worden waren. Sie konntennicht Eigentumsverleihung verlangen, ihre Stellen durften eingezogenwerden; die früheren Inhaber, besonders die der unerblichen Stellenund öfter noch die Kinder jener Inhaber, wurden dann Landarbeiter.