[22 II- Die Landarbeiter in Knechtschaft und Freiheit.
liest, erinnern Zug für Zug an die geistige und sittliche Verkommenheitder früheren Erbuntertanen.
So sind unsere Gutsarbeiter ihrer Mehrzahl nach beschaffen, und sosind sie entstanden; der diensthelastete Bauernstand wurde bei der Be-freiung in zwei Teile gespalten; auf der einen Seite schuf man den Land-mann ohne Dienst, auf der anderen Seite den Dienstmann ohne Land.Die Slein-IIardenbcrgische Agrargesetzgebung ist nicht bloß eine Gesetz-gebung zur Herstellung eines Standes dienstfreier bäuerlicher Eigen-tümer; sie hat auch den Gutsherrn von seinen früheren Pflichten gegendie Bauern befreit und ihm für seinen kapitalistischen Betrieb diejenigeArbeitsverfassung geliefert, die damals als selbstverständlich galt: dieproletarische.
Wer ist daran schuld? Wo ist der böse Ratgeber, der sich in denKreis der hervorragenden Männer eingeschlichen hat, denen wir es ver-danken, daß der preußische Staat ohne gewaltsame innere Umwälzunglangsam in die moderne Zeit hinübergeführt worden ist? Man wird ver-geblich danach suchen. Auch die Gutsbesitzer sind nicht anzuklagen;sie haben gewiß durch persönliches Wohlwollen in tausend einzelnenFällen die Härten der neuen Arbeitsverfassung gemildert. Was hier ge-schehen ist, entstand nicht aus einer Verschwörung von Böswilligen,sondern war die Gesamtwirkung entfesselter Gewerbsinteressen, denender Staat, nach dem damaligen Stande sozialpolitischer Einsicht, un-gehindert ihren Lauf ließ.
Seitdem hat sich die Sozialpolitik als Wissenschaft bedeutend er-hoben. Heule kennt man auch Arbeiterinteressen, die man damals nichtsah. Eine freie Besprechung dieser Dinge ist erlaubt, es vollzieht sichheule in aller Öffentlichkeit die Gedankenarbeit, die da nötig ist, umdie Sachlage zu erkennen und so den ersten Schritt zur Besserung zu tun.Kein Mensch glaubt mehr daran, daß der Staat sich um diese Dingenicht zu bekümmern habe. Unsere Beamten lernen früh genug, wie esmit den wirtschaftlichen Interessenkämpfen aussieht; sie werden sichnicht mehr das Heft aus der Hand nehmen lassen, auch von parlamenta-rischen Mehrheiten nicht, die wir ja meisterhaft zu behandeln wissen.Keine Herrschaft wird so leicht ertragen, ja so dankbar empfunden, wiedie Herrschaft hochsinniger und hochgebildeter Beamten. Der deutscheStaat ist ein Beamtenstaat — hoffen wir, daß er in diesem Sinne einßeamtenstaat bleibe! Dann gelingt es ihm wohl am ersten, die Wirr-sale und Irrungen wirtschaftlicher Klassenkämpfe zu überwinden. Dann