Landarbeiter und innere Kolonisation.
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sind vom Ende der siebziger Jahre bis 1891, ohne alle staatliche Ver-mittelung, elf größere Güter zerschlagen worden. Daraus sind i 5 Rest-güter und 23 g neue Stellen (worunter nur 3 o bis 4 o unselbständige)entstanden. Ein höchst beachtenswertes Symptom für die Lage der Land-wirtschaft im Osten! Mehrere hundert Tagelöhner und Bauernsöhnehaben also ein Dutzend Rittergüter ausgekauft und daraus einige hundertleistungsfähige Stellen gebildet, wozu in den letzten Jahren die Renten-bank einige Unterstützung geleistet hat! (S. 171.)
Wenn es so steht in unserem Osten, dann hat das staatliche Kolo-nisationswerk eine große Zukunft, und zwar wesentlich deshalb, weiles in der Richtung wirkt, die durch den Lauf der Dinge vorgezeichnetist: Sozialpolitik setzt voraus, daß die ökonomischen Grundlagen beachtetwerden.
Was soll aber da aus dem Rittergutsbesitzer werden? Auf kleinemRestgute sitzend, zieht er dann Renten vom verkauften Land; der mitRecht gerühmte Musterbetrieb der großen Güter verschwindet; die ge-sellschaftliche Klasse, die für den preußischen Staat soviel geleistet hat,und deren Befehlsgewohnheiten in unserem Offiziersstande fortleben —der Junker, der mitunter schroff und keck, der aber immer ein ganzerMann war, was wird aus ihm? Sinkt er auf immer dahin?
Es wäre dies keineswegs nur der Verfall des Landadels. Dieser Adelhat schon zu Anfang des vorigen Jahrhunderts dem bürgerlichen Guts-besitzer den breitesten Platz neben sich eingeräumt, zugleich aber diesemTeil des Bürgerstandes seinen Geist eingehaucht. Das Junkertum ist einweiterer Begriff als der Landadel: es ist unser Gutsbesitzertum. Ist es aufimmer verloren?
Ich glaube es nicht. Es hat schlimmere Zeiten gegeben als dieunsrigen. Im Jahre 1806 und 1807 sind feindliche Heere bis nachWest- und Ostpreußen vorgedrungen. Ein so unmöglicher Ort wie Tilsit hat einen Friedensschluß in seinen Mauern erlebt. Die Gutsbesitzer habendamals platt am Boden gelegen — und doch haben viele sich wieder auf-gerichtet. Man denke nur an die ungeheure Macht des Bestehenden —das wird so leicht nicht von einer oder zwei Sturmfluten hinweg-geschwemmt. Niedrige Getreidepreise und Arbeiterflucht sind Dinge, dienicht ewig dauern.
Die neue Entwicklung — die Zerschlagung des großen Besitzes —wird also nicht allgemein, sondern nur stellenweise eintreten, vor allemda, wo ohnehin der Untergang durch Zwangsverkauf bevorsteht. Eine