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III. Grundherrschaft und Rittergut.
Brandenburg, Mecklenburg , Pommern meines Wissens auch in ältererZeit durchaus keine Kunde.
Es gibt also vollständig deutsch gewordene Kolonialländer, die sich,auch in der älteren Zeit, vor Ausdehnung der Guts Wirtschaft, beisonstiger großer Ähnlichkeit dadurch unterscheiden, daß es Dresch-gärtner gibt — wie in Niederschlesien — oder nicht gibt, wie in Branden-burg, Mecklenburg , Pommern.
In den letztgenannten Ländern werden natürlich auch Handdiensteverrichtet, aber von Kossäten, von Büdnern, Häuslern und Kätnern;:sie alle sind Erbuntertanen, wie ja auch die Bauern; aber die patriar-chalisch-gemütliche Einrichtung erblicher Stellen für Gutsarbeiter mitErtragsbeteiligung ist nicht da. Ich halte das Dreschgärtnerwesen füreine ganz besonders fürsorgliche, wohlwollende Ordnung der Iland-dienste, innerhalb der alten, noch halbgrundherrlichen Verfassung. Undes fragt sich also: was ist der Grund, daß dies Wesen in Preußen aufNiederschlesien beschränkt ist, während es außerhalb Preußens auch inKursachsen vorkomml?
Vielleicht hilft uns die oben geschilderte geographische Verbreitungder Dreschgärtner auf die richtige Spur.
Diese beiden Länder sind von Thüringern und Franken kolonisiert;sie gehören also beide dem oberdeutschen Sprachgebiete an. Die Grenzedes oberdeutschen Sprachgebietes läuft fast genau dem 5a. Grad nörd-licher Breite entlang und greift nur an der Oder ein wenig nördlicheraus, um gerade noch die Kreise Schwiebus und Züllichau zu umfassen 19 .Die nördliche Grenze des Dreschgärtnerwesens fällt also genau zusammenmit der nördlichen Grenze der oberdeutschen Mundart. Brandenburg, Mecklenburg, Pommern hingegen gehören ins niederdeutsche Sprach-gebiet.
Dies ist gewiß kein Zufall. Der Niederdeutsche hat sich von jeherdurch Kraft und Härte vor dem Oberdeutschen ausgezeichnet. Der Ober-deutsche hat mehr Verständnis für die Lage seines Nebenmenschen.Alle oberdeutschen Arbeiterverhältnisse sind — auf dem Lande —weniger drückend, sie sind in der Tat gemütlicher (denn dies Wort isthier gar nicht zu umgehen). Eine Schöpfung wie das Instenverhältnisim östlichen Niederdeutschland ist auf oberdeutschem Boden psycho-
19 Vgl. R. Andree und O. Peschei, Physikalisch -statistischer Atlas desDeutschen Reiches, Erste Hälfte, Leipzig 1876, Rlalt; 10.