Die Grundherrschaft in Nordwestdeutschland.
Vortrag für den Historikertag in Innsbruck , gehalten am 12. September 1896.
Von der Entwicklung der ländlichen Verfassung Hannovers weiß manin weiteren Kreisen nicht sehr viel; hie und da hört der Student, daß dorteine französische Zwischenherrschaft etwa von 1807 bis i8i3 gewaltetund allen mittelalterlichen Schutt weggeräumt habe. Dann aber, nach derVertreibung der Fremdherrschaft in den Befreiungskriegen, sei der ange-stammte Landesherr zurückgekehrt und habe alle früheren Einrichtungenwiederhergestellt. Bei dieser Gelegenheit sei sogar nach i 8 i 5 die eben ab-geschaffte Leibeigenschaft wieder erneuert worden.
Der jugendliche Hörer stutzt; er fühlt, was das bedeutet: mitten inEuropa, nach zufälligem Mitgenuß der Errungenschaften der Französi-schen Revolution, wird eine der ältesten Einrichtungen des Mittelalters —nicht etwa geschont — sondern wieder ins Leben gerufen. Nur mit Em-pörung kann der liberale Jüngling von dieser Tatsache Kenntnis nehmen.Denn die Leibeigenschaft der sächsischen Bauern im Nordweslen ist fürihn natürlich dasselbe wie jener Zustand im Nordosten in der Neuzeit,nämlich Verwandlung der Bauern in Arbeiter, der Freien in Knechte.Während nun die Nachbarländer, zum Beispiel Preußen 1807, die Erb-untertänigkeit aufheben, führt Hannover i 8 i 5 seine Leibeigenschaftwissentlich und willentlich von neuem wieder ein!
So etwa würden Sugenheims zahlreiche Jünger den vorliegendenFall beurteilen — sehr zuungunsten Hannovers. Und doch wage ich zusagen, daß jene Tatsache für jeden Kenner ganz und gar anders liegt, alsman beim ersten Anblick glauben sollte.
Ein neu erschienenes Werk über die Grundherrschaft in Nordwest-deutschland klärt uns über all dies und über vieles andere völlig auf 1 .Der Verfasser, Dr. W. Witlich, den ich hier nicht loben darf, weil ermir zu nahe steht, ist frei von liberalen Nachwirkungen. Auch die Ge-schicke des Staats Hannover liegen ihm nicht am Herzen; denn es handeltsich hier nicht um den Staat, sondern um die Gesellschaft. Der KurstaatHannover ist nur gewählt, weil er der größte Staat des Nordwestens ist,
1 Dr. Werner Wittich, Die Grundherrschaft in Nordwestdeutschland.Leipzig 1896.