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Man stelle sich vor, was das heißt! Ich meine nicht die endlose Arbeit,in Katasterbehörden eine Karte nach der anderen zu beschauen, dielehrreichsten auszuwählen und Kopien davon zur Sammlung zu legen.Dies muß eine ganz unerhörte Arbeit gewesen sein, von der ich aber garnicht rede. Ich meine vielmehr: es ist eine ganz bedeutende Tat, fürhistorische Fragen eine besondere Art von Quellen — eben die Gemar-kungskarten — 1 aufzuschließen, an die bis dahin eigentlich noch niemandgedacht hatte. Man quälte sich mit Auslegung dunkler Stellen aus Tacitus und Cäsar; man würfelte die Völkernamen aus Pytheas und Strabo zuimmer neuen, aber nichtssagenden Anordnungen zurecht und legte philo-logisch den Sinn von Ortsnamen aus. All dies ist ganz gut. Aber wenn vonGemarkungskarten was zu lernen ist, so haben diese den Vorzug, daß sielückenlos zur Verfügung stehen, zweifellos echt und ungemein ausgiebigan Inhalt sind. Meitzens Erfolg auf diesem Gebiet des Quellen-aufschlusses, ist so groß, daß binnen kürzester Zeit jedermann erstauntfragen wird, wie es möglich gewesen sei, die Urgeschichte ohne Gemar-kungskarten zu studieren; und das Merkwürdige daran wird sein, daß eserst Meitzen getan hat.
Um nur gleich ein Beispiel anzuführen: es ist bekannt, daß die West-falen vielfach, sogar vorwiegend, in Einzelhöfen wohnen, während sonst,zum Beispiel auch bei den Ostfalen, Dörfer üblich sind. Wo ist nun dieGrenze des Einzelhofgebietes? Dies ist nur durch Studium hinreichenddeutlicher Karten und, wenn die Generalstabskarte nicht mehr reicht,durch Gemarkungskarten festzustellen. Die Grenze läuft bekanntlich, wasOsten und Süden betrifft, an der Weser hinauf nach Rinteln, und von dawestlich abbiegend nach Neuß am Rhein. Und innerhalb des Einzel-hofgebietes gibt es wieder eine Ausnahme, das heißt eine Dörfergegend:es ist dies der sogenannte Hellweg, ein Landstrich in der Nähe von Dort-mund.
Gesetzt nun, die Art der Besiedelung stehe in innerem Zusammenhangmit Volksart, Abstammung und vorhistorischen Ereignissen, so ist hierein Quellenkreis erschlossen, welcher noch redet, wenn sogar Schillers „tausend Steine“ verstummen, „die man aus dem Schoß der Erde gräbt.“
Da nun die neu hinzugekommenen Quellen eben jene Gemarkungs-karten sind, so wird Meitzen wohl da am siegreichsten sein, wo er Fragengeographischer Verbreitung behandelt. Hier kann ihm eigentlich niemandwidersprechen; denn niemand hat größere Erfahrung als er. Es mußJahrzehnte dauern, bis jemand hier überhaupt nur etwa nötige Berich-