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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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Erwin Nasse .

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So erklärt sich auch Nasses ausgeprägte Neigung zum englischenVolk, dessen Tatkraft und Ernst, und dessen aristokratische Gesell-schaftsordnung ihn anzog. Dort fand er die Leute, die ohne staatlicheBesoldung freiwillig den Dienst für ihr Land übernehmen und immernach ihrer Pflicht, dann erst nach ihrem Rechte fragen. Unser kleinerAdel leistet ja in Ämtern und Diensten viel, aber er lebt auch davon;und unser großer, unser hoher Adel, der keine Besoldung brauchtwie ehrenvoll, aber auch wie auffallend ist es, wenn wir ihn demStaate dienen sehen, dem er im großen und ganzen entfremdet ist.Das ist doch in England ganz anders!

Freilich hätte Nasse es nie bis zur blinden Nachahmung getrieben,denn eine zweite große Neigung trug er in sich: die zum preußischenStaat. Nicht etwa diesen Staat in einen parlamentarischen verwandeltzu sehen, war sein Wunsch, sondern diesen Königsstaat aristokratisch,wie er das Wort verstand, regiert zu sehen, das hätte ihn mit Genug-tuung erfüllt. Daß er sich als Preuße fühlte, war nicht etwa Über-legung und Entschluß, sondern es geschah mit ursprünglichster Selbst-verständlichkeit; gesprochen hat er nie davon, aber man sah: für diesenStaat hätte er alles geleistet und alles hingegeben.

Männer von solcher Art sind immer religiös gewesen, und so wares auch Nasse, der sogar in kirchlichen Verwaltungssachen gern einNebenamt übernahm. Vielleicht trieb ihn gerade auch in die Sozial-politik hinein vor allem ein religiöses Empfinden. Wenn zahlreicheKlassen von Menschen in gedrückter Lage, kaum fähig sich zu er-nähren, aller höheren Lebensgüter unteilhaftig sind, da regt sich beiNasse vor allem der Christ: da muß er auch die Hand angelegt haben,das gebietet ihm seine Art von Stolz und so ist er in unseren Vereingekommen. Und was war er nun für uns, für die Mitglieder des Vereins,für den Verein selber?

Hier in unserer Mitte war es ganz unmöglich ihn zu übersehen,auch wenn er nicht auf dem Präsidentenstuhle saß: seine hohe, hagereGestalt von etwas hartem Zuschnitt ragte um eines Hauptes Länge überalle hervor.

Er erregte durch sein bloßes Auftreten Achtung, ohne das Vertrauenzu verscheuchen. Für jede Anrede zugänglich, zu jeder Auskunft bereit,bewegte er sich unter uns mit anspruchloser Vornehmheit. Es konntegar niemandem einfallen, ihn vertraulich zu behandeln. Nie hat jemandsich über ihn beklagt, denn er trat keinem zu nah; er kam aber auch