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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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V. Lehrer und Freunde.

felderwirtschaft trieb lauter Dinge, die es dort längst nicht mehrgibt, sowenig wie in Mecklenburg oder in Neuvorpommern. Auch diesist bezeichnend: die Schrift liest sich schwer, obgleich sie wohlgeordnetist: es ist jedes stilistische Hilfsmittel, abgesehen von der Ordnung,wie mit Vorbedacht verschmäht; und der Verfasser hat eine gewisseScheu vor kühnerer Zusammenfassung. Daß auch der Historiker einKünstler ist, und daß er mit wenigen Strichen ein Bild entwerfen darf,welches vielleicht unvollständig im einzelnen, aber im ganzen künstle-risch wahr ist; davon wollte Nasse nicht gern etwas hören, und sotragen seine vortrefflichen Untersuchungen meist den Charakter der ge-lehrten Vorarbeit.

Ich habe ihm einmal bei einer Flasche Wein gesagt, wie erstaun-lich lehrreich die agrarische Schrift über England sei; wieviel mehrdarin stehe, als der Titel verrät; daß sie trotzdem einen Heißhungernach Mehr erwecke, und daß er allein in England und Deutschland be-rufen sei, die Geschichte der englischen Landwirtschaft nach der tech-nischen und nach der sozialpolitischen Seite zu schreiben. Da zog sichder also Angeredete immer mehr in sich seihst zurück, sah vor sichauf den Tisch und brachte nur mühsam die Frage heraus:GlaubenSie wirklich? Meinen Sie, daß das möglich wäre? Man hatte das Ge-fühl, als lebte er in geistiger Abgeschiedenheit; als wäre der tiefe Ernstseiner Natur und sein ehrlicher Sinn für die Erhaltung des Bestehen-den doch zugleich eine Fessel für die volle Entfaltung seiner Kraft;und als hätte ihm im früheren Mannesalter ein teilnehmender, anspornen-der Freund gefehlt, der ihm den fröhlichen Wagemut der Schriftstellereihätte in die Seele flößen können.

In dieser Seele war eine Grundempfindung, die alles übrige weitüberwucherte und beherrschte: es lag in seiner Natur, den fortbauen-den und erhaltenden Kräften im öffentlichen Leben seinen tatkräftigenBeistand zu leihen. Vieles davon, vielleicht das meiste, war ihm an-geboren; aber doch dürfte sein Lehrer, der ernste und feierliche Dahl-mann, auch einiges zur Verstärkung dieser Anschauungen beigetragenhaben; jedenfalls ist Nasses Verehrung für Dahlmann ebenso begreif-lich, wie seine Vorliebe für den strengen Gelehrten und gesinnungs-treuen Politiker Niebuhr: der Zug des Herzens richtet sich oft aufdas geistig nah Verwandte, und wenn er zu jenen Männern als zu seinenMeistern aufblickte, so dürfen wir doch wohl sagen, daß er auch vonihrem Stamme war.