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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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Hermann und Helfericli.

Erinnerungen aus den Jahren 1861 und 1864.

Hermanns Vorlesungen über Nationalökonomie fanden nachmittagsstatt. Der Hörsaal war ziemlich groß, und die Zuhörerzahl mochte wohl80 betragen: damals (1861) für München eine beträchtliche Zahl, nuretwa in Hauptkollegien der Juristen überlrolfen. Wir Anfänger, im erstenSemester stehend, warteten höchst neugierig auf den Mann, über denviel geredet wurde, der aber doch in der großen Stadt noch nicht inunseren Gesichtskreis getreten war. Es hieß, er sei ein sehr strenger, fastrauher Vorgesetzter in der Berg- und Salinenadministration, an derenSpitze er stand; andere Kameraden wollten wissen, er habe Mathematikgelehrt an welcher Schule wußten wir nicht oder gar ein mathe-malisches Lehrbuch geschrieben. Diese Nachricht wirkte etwas drückendauf die Stimmung; man schwieg, und jeder überschlug im Geiste, ober noch den pythagoreischen Lehrsatz beweisen könne. Da öffnete sich dieTür, und während nach damaliger guter Sitte alle Studenten sich erhoben,blieb der Professor wie angewurzelt stehen. Er hatte Tabak bemerkt,und der stechende Blick seiner grauen Augen haftete auf dem Bauch-wirbel, der von einer Zigarette aufstieg. Langsam, offenbar sich selbstbezwingend, schritt er dann aufs Katheder; ganz sorgfältig zog er einigeBlätter aus der Brusltasche, wobei seine Hand etwas zitterte (was aberstets der Fall war), und nach einer Kunstpause, die uns schrecklich langvorkam, sagte er ganz ruhig:Meine Herren! Was würden Sie sagen,wenn ich hier rauchte? Wir alle schämten uns, daß einer diese trockeneVernichtung herausgefordert hatte und nun fing der Vortrag an vonden Bedürfnissen der Menschen und von den Mitteln zu deren Befriedi-gung. Was ein Bedürfnis befriedigt, ist ein Gut, und die Güter werdensoundso eingeteilt.

Auf dem Katheder stehend und er stand immer schien Hermanngroß, trotzdem er nur von mittlerem Wüchse war; denn man achtelenur auf das Haupt. Sein reiches Haar trug er lang; es war stark im Er-grauen, aber verhinderte durch seine Fülle den Eindruck des Alters, wieauch seine Stimme voll und stark war und nie den Gedanken an die(56 Jahre auf kommen ließ. Das Gesicht war schmal, mager und farblos;die Nase etwas weit herabreichend; links und rechts vom Munde tiefe