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V. Lehrer und Freunde.
bei der man sich also beruhigen muß? Ja, das gibt es, sagt Thünen, under stellt in mühsamer Rechnung dafür eine Formel auf.
Ganz richtig war’s, daß Helferichs Lehrernatur auf diesen Wildlingin der Wissenschaft hinwies. Wenn solche Kräfte, statt der dünn-stimmigen Kompilatoren, obenauf kämen, dann müßte ja in Deutsch-land eine eigenartige Wissenschaft der Nationalökonomie entstehen; esmüßte eine Freude sein, der neuen Zeit den Boden'zu bereiten.
So etwa dachte der Lehrer; und der Schüler dachte: „Sehen wirnäher zu“. Da zeigte sich denn aber noch manches andere. Thünen <warnämlich als Autodidakt doch in vielen Stücken stark im Nachteil. Schondie seltsame Fragestellung; dann die wunderlichen Voraussetzungen undAnnahmen, um zu einer Rechenaufgabe zu gelangen, und die rührendeKindlichkeit, das Ergebnis der Rechnung für mehr zu halten, als fürFolgerungen aus seinem Spiel. Ganz zu schweigen von mancherlei innerenWidersprüchen.
Kurzum, Thünen hat ein begeistertes Temperament und einen so-zusagen wissenschaftlichen Charakter. Beides wirkt hinreißend auf denLeser. Aber das Ganze bleibt doch ein autodidaktisches Selbstgespräch,ein tastender Versuch des einsamen Mannes von Geist. Der ganze „natür-liche Arbeitslohn“ ist und bleibt eine völlig verfehlte Idee, oder, mildausgedrückt, eine Verirrung.
Dies schrieb ich auf, aber mit der Zurückhaltung, wie sie meinerVerehrung des Schriftstellers entsprach und überreichte hoffnungsvolldie kleine Schrift meinem Lehrer; hier sei der selbst gefundene Stoff:„Über Thünens natürlichen Arbeitslohn.“
Ein langes Schweigen war die Antwort. Nichts Unangenehmeres hätteihm begegnen können. Wochenlang behielt er das Manuskript. Zu einerVerständigung fehlte jeder Boden. Es gab nur einen pädagogischen Aus-weg, und der wurde betreten. Ilelfcrich schrieb als sein Urteil nieder:der Verfasser habe sich redlich Mühe gegeben; man könne ihn, trotzder fragwürdigen Ergebnisse, zum Examen zulassen. Und so geschah’s;ein Ausgang der Sache, für den der Betroffene, in Erwägung allerUmstände, ein volles Verständnis halte.
Denn dies fühlte auch der Student heraus, daß Helferichs Wesen,wie in der Hinneigung zur protestantischen Orthodoxie und in der An-lehnung an das politisch Konservative, so auch in der Wissenschaftdurchaus auf die Anerkennung des Gegebenen, auf das Festhalten über-lieferter Lehren gegründet war. Mit dem Staate, dem er sich ange-