Hermann und Helfericli.
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tation, den Stoff zu Ihrer ersten Abhandlung, den müssen Sie selberfinden; sonst sind Sie zu eigenen Arbeiten noch nicht reif.“ Ganz richtig;das pädagogische Vertrauen wurde gerade hierdurch aufs höchste be-stärkt. Und so erteilte Iielferich mehr die kleinen Hilfen, die er als be-lesener Mann und als Besitzer von Bücherschätzen fortwährend zuleisten imstande war. Im übrigen wurde der lohengrinische Vertrag red-lich gehalten und niemals um eine Arbeit gebeten.
Helferichs Natur war geschmeidig, wie es das Dozieren mit sichbringt, jedem Kampf ausweichend, versöhnlich, völlig abgeneigt, größereVerantwortungen zu übernehmen. Daß ein Schüler sich ihm so darbot,erfüllte ihn zunächst mit Besorgnis wegen der Zukunft. Überhaupt warVorsicht das, was neben Feinheit der Form am meisten hervortrat. Erkonnte einen so klug ansehen und dabei mit dem aufgehobenen Fingerdrohen.
Aber die innere Hingabe an H. v. Thünen kam nicht etwa daher, daßdieser mecklenburgische Gutsbesitzer vor allem Stoff für die landwirt-schaftliche Nationalökonomie lieferte und also in den Vorlesungen reich-lich dozentisch zu verwerten war. Das lag vielmehr tiefer. Helferich,auch auf religiösem Gebiet sich zur positiven Richtung neigend, be-durfte einer inneren Anlehnung an eine wissenschaftliche Kraftnatur.Daher in jüngeren Jahren der Anschluß an Hermann, im reiferen Alteran Thünen. Und noch etwas Mystisches kam vielleicht hinzu: das Halb-verschleierte, zum Teil Rätselhafte in Thünens nachgelassenen Schriftenzog ihn an. Hier waren Geheimnisse verborgen; vielleicht jenes Höhere,die noch unerstiegene letzte Stufe, die man nur weihevoll betritt. Wardoch das Werk, eben erst erschienen, noch unerschlossen, noch nichtvöllig durchforscht.
Indem diese Stimmung sich ausbreitete — und dazu tat ja der Lehreralles — mußte jeder junge Mann, der damals in Göttingen nach einemStoff suchte, mit Notwendigkeit auf Thünen verfallen.
Und wer kann es leugnen, diese Werke üben einen mächtigen Zauberaus: der Leser fühlt sich durch die Einwirkung des Genius geadelt.Man staunt vor der Forschernatur, vor dem unbändigen Trieb nach Er-kenntnis. Niemandes Schüler, ohne Gelehrsamkeit, weit entfernt von allerAnregung und allen Hilfsmitteln, geht Thünen mit hünenhafter Tapfer-keit seinen einsamen Weg, und in zwanzigjähriger Ausdauer sinnt er überselbstgestellte Probleme nach. Gibt es, so fragt er, einen natürlichenArbeitslohn, eine Lohnhöhe, die aus der Natur der Wirtschaft folgt und