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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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Georg Hanssen .

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Arbeit abzuschließen. Die St. Petersburger Akademie hatte im Hinblickauf die Reformen Alexanders II. eine Preisaufgabe gestellt, und Hanssen reichte seine Schrift über die Aufhebung der Leibeigenschaft in Schles-wig und Holstein ein. Natürlich wurde sie gekrönt und 1861 von derAkademie herausgegeben. Es handelt sich dabei in der Hauptsache um dieöstliche Ecke von Holstein , fast nur um etwa 4 o Rittergüter, währendSugenheim der mit Recht ebenfalls einen Preis erhielt alles ausßibliotheken zusammensuchte, was unter dem StichwortLeibeigen-schaft aus allen Staaten Europas aufzutreiben war. Aber aus welchemWerke lernt man mehr? Zweifellos aus dem Ilanssens, der eine er-schöpfende Darstellung der Sache und nur dieser Sache gab.

Während seiner ßcrliner Zeit (18G0 bis 1869) waren seine Vor-lesungen nicht gerade sehr besucht, auch eigentlich nicht beliebt. Er trugnach einem sorgfältig ausgearbeiteten Hefte vor, brachte sehr viele Tat-sachen zu Gehör, war überaus vorsichtig im Urteil, beinahe zweifel-süchtig, und deutete stets auf die tausend Schwierigkeiten der Praxis hin.Nie war er parteiisch und nie beredt. Es kam alles gewissenhaft, aberkühl heraus. Man vermißte bei ihm etwas Freudigkeit und Wärme.Dazu sprach er das Deutsche aus wie ein Schleswiger aus dem höchstenNorden denn daher stammten seine Eltern; und der Mitteldeutscheglaubte in ihm einen Dänen vor sich zu haben. Der erste Eindruck ausseinem Hörsaal es war an einem frostigen Vormittag Ende Aprili 863 ist mir noch lebhaft in Erinnerung: das Rild des stimmungs-losen Professors. Der Gegenstand war theoretische Nationalökonomie;aber alle allgemeinen Gedanken waren überwuchert durch zahllose Rei-spiele, und jeder an dogmatischen Vortrag gewöhnte Hörer fühlte sofort,daß hier kein Dogmatiker sprach. Das wäre ja an sich kein Unglück ge-wesen aber warum mußte gerade er Dogmatik vortragen wollen? InMünchen so kam es mir vor war doch dies Fach ganz anders ver-treten gewesen.

Seine Sprechstunden zu Hause er wohnte in der Grabenslraßehatte er auf 8 Uhr morgens angesetzt. Harmlos ging man hin: aber dasErstaunen der Dienstboten verriet, daß ein solcher Resuch fast uner-hört sei. Es dauerte eine halbe Stunde, bis er kam, sichtlich gestörtund wenig geneigt, auf die persönlichen Verhältnisse des ratbedürf-ligen Zuhörers einzugehen. Die gelbliche Gesichtsfarbe und die dunkel-braunen Augen erweckten die Vorstellung eines Leberleidenden. Sein Ratwar:Lesen Sie Rau!, das damals verbreitetste, allgemein bekannte,