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V. Lehrer und Freunde.
Vorlesungen durchaus zufrieden und erkennt an, wieviel er dort vonKaufleuten und Buchhändlern gelernt habe.
Dann aber folgte ein merkwürdiger Stimniungsausbruch, der wohlauf körperlichen Leiden beruht haben mag:
„Obwohl ich nun so alle Ursache hatte, mit meiner Stellung in Leipzig zufrieden zu sein, so wollte es mir doch nicht gelingen, mich dortund in Sachsen überhaupt behaglich zu fühlen. Ich litt an Heimweh nachden Herzogtümern, nach Kiel , wohin ich am liebsten, in den Ferien, reisteund von wo ich dann um so unlieber zurückkehrte. Ich vermißte inLeipzig meine alten Freunde, welche mir durch neue nur in geringerZahl ersetzt wurden. Ich entbehrte an der Universität die Kieler Kolle-gialität, den traulichen Umgang der Professoren unter einander. Mirfehlten die holsteinischen Bauernhäuser, Dörfer und Koppeln, der hol-steinische Volksdialekt, der Typus der niedersächsischen Bevölkerungüberhaupt.
Mein Verstand war in Sachsen, mein Herz nicht. Ich konnte michin das sächsische Wesen nicht hineinleben, würdigte (damals) die gutenSeiten desselben nicht nach Gebühr und beurteilte die schwachen Seitenmit äußerster Schärfe. Es kam dazu, daß das Klima Leipzigs — Mangelan frischer Luft und Winden — mich, nach meiner Konstitution, de-primierte und meine Unterleibsbeschwerden ein Übermaß von Galle ent-wickelten. Ich ärgerte mich über so vieles, was ich sah und hörte und imVolksleben beobachtete und mich persönlich nichts anging, da mir per-sönlich niemand etwas zuleide tat, im Gegenteil mir nur Wohlwollenbewiesen wurde.“
So zog er vor, einem Bufe nach Göltingen auf Ostern i848 zu folgen.
Man versteht nun Hanssens häufige Badereisen nach Kissingen undnach Karlsbad !
„Ich kann mit großer Befriedigung auf meine erste Göttinger Periodezurückblicken... Die frische Luft und anmutigere, zu regelmäßigenSpaziergängen und häufigen Ausflügen einladende Gegend Göttingensheiterten mich auf... An der Universität stand der anrüchige sogenannteGöttinger Hofratston auf dem Aussterbeetat, verdrängt durch zwang-losen Umgang und zutrauliche Kollegialität der mittleren und jüngerenGeneration akademischer Lehrer. Professoren und Studenten verkehrtengerne miteinander: erstere erfüllten mit großem Eifer ihren Lehrberuf,und letztere besuchten damals noch die Vorlesungen mit regelmäßigem