Geboren 10. Mai 1844, gestorben 25. August 1880. 1
Es mag wohl im Winter 1862/63 gewesen sein, als ich Held in denllörsiilen der Münchener Universität kennen lernte; doch kamen wirnicht viel zusammen, denn er wohnte im Maxiinilianeum, einer An-stalt, die kurz vorher in einem Prachtbau eröffnet worden war, undin welcher auf Kosten des Königs eine kleine Anzahl künftiger Staats-beamter Wohnung, Unterhalt und Unterricht genossen. Nur solche, diesich auf dem Gymnasium besonders ausgezeichnet hatten, fanden darinAufnahme. Es war unmöglich, den zwanzigjährigen Jüngling zu über-sehen; er kannte eine Unzahl von Menschen, war stets lebhaft und ge-sprächig, stand mit allen auf dem besten Fuße, und vor allem: er warauffallend schön. Sein dichtes, schwarzes Haar reichte tief in die Stirn;seine braunen, liebenswürdig blickenden Augen waren unwiderstehlich;wenn er lächelte, erschienen ein Paar glänzender Zahnreihen. SeineKörperhaltung war etwas lässig, was anziehend wirkte. Nichts war ihmfremder als Schroffheit. Alles war unterfränkisch-, genauer würz-burgisch-gemütlioh an ihm. Er halte den Vorteil einer höchst raschenAuffassung, mit der er sich bald den Stoff für das juristische Examenaneignete. Daneben interessierte er sich für Nationalökonomie, die unsvon F. W. B. Hermann streng dogmatisch und mit fesselndem Ernstvorgelragen wurde. Von vielem Bücherstudium war bei ihm nicht dieBede, aber auch nicht etwa von burschikosem Wesen. Die studentischeHeiterkeit fehlte nicht; er zeichnete sich aber vor allem aus durch Er-findung und Verbreitung toller Ausdrücke und Wortverdrehungen, waser auch später nicht ganz lassen konnte.
Daß er mit Leib und Seele, sozusagen nur Student gewesen sei,
1 Diese Erinnerungen sind entnommen einem Vortrag von mir, den ich inder Staatswissenschaftlichen Gesellschaft zu Straßburg am 23. Oktober 1881 ge-halten habe. Das damals erschienene Werk hat den Titel: Adolf Held, Zwei Bücherzur sozialen Geschichte Englands; aus dem Nachlaß herausgegeben von GeorgFriedrich Knapp. Mit dem Bildnis des Verfassers. Leipzig, Duncker & Humblot,1881, 775 Seiten. An jenem Vortrag ist nur wenig, zum Beispiel der Schluß, ver-ändert. Zum ersten Male ist der Vortrag abgedruckt in der Schrift: Der Vereinfür Sozialpolitik 1872—1922, Festschrift, München und Leipzig hei Duneker &Humblot, 1922.