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(1867) blieb er ganz frei, denn die dogmatischen Hilfsmittel diesesmerkwürdigen Mannes rührten ihn nicht. Aber sein Sachverstand sagteihm: die Lage der Industriearbeiter kann nicht so bleiben wie sie ist. Hierist für die alten Staaten ein neues Problem im Auftauchen. Keine Tifteleiüber Mehrwert kann hier helfen. Helfen kann nur eine lebenswarmeÜberzeugung, daß dieser sozialen Klasse durch den bestehenden Staat,ohne Umsturz, Beachtung geschenkt und Förderung geboten werdenkann. Hier handelt es sich darum, das Herz auf dem rechten Fleck zuhaben, und dies muß laut gesagt werden. Wir brauchen „ethischesPathos“ — so hieß man sein Stichwort; und er gründete, vereint tnitjungen Fachgenossen, 1872 den Verein für Sozialpolitik, in welchemLujo Brentano sein wichtigster Genosse war. Später übernahm er dieLeitung dieses Vereins, und dies allein würde ausreichen, ihm die Bürger-krone zu sichern.
Als die Straßburger Universität errichtet wurde (1872), berief derKurator Freiherr von Boggenbach den jungen Schmoller aus Halle alsProfessor der Nationalökonomie dahin, wo auch Laband als Staatsrechts-lehrer, Sohm als Rechtshistoriker und Merkel als Rechtsphilosophwirkten. Der Ort bot damals das Bild einer Provinzialstadt des 17. Jahr-hunderts dar: jämmerliche Wohnungsverhältnisse in der Einschnürungdurch Vaubans Festungswerke. Ein altes hufeisenförmiges Gebäude, die„Akademie “, lag im Proletarierviertel und wurde notdürftig mit Hör-sälen ausgestattet. Studenten gab es nur wenige; Elsässer waren fastgar nicht darunter. Die Söhne der neuen Beamtenschaft waren noch imKindesalter, und man war angewiesen auf die spärlichen „altdeutschen“Jünglinge, die aus Neugierde oder aus Begeisterung sich eingefundenhatten. Erst im dritten oder vierten Jahre kamen Vorlesungen mit 3 obis 4 o Hörern zustande. Das Staatswissenschaftliche Seminar befandsich in einem düsteren Raume, worin außer einem großen. Tisch nochzwei oder drei schmächtige Bücherschränke standen. —■ Schmoller warsofort einer der beliebtesten Lehrer; die Kleinheit des Anfanges drückteihn nicht, er arbeitete drauf los, als wenn ein großer Zulauf wäre, undhielt mit wenigen Auserlesenen seine Übungen im Seminar ab: eine Axtdes Unterrichts, die damals ziemlich neu war und zur Besonderheit derUniversität wurde. In jener Zeit schrieb er seine Streitschrift gegen Hein-rich von Treitschke , der vom vierten Stande nichts hören wollte, undsein Tucherbuch, das die Geschichte der Tuchmacherzunft enthielt. Diehistorische Würdigung des Zunftwesens breitete sich von da an gewaltig