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V. Lehrer und Freunde.
aus. Auch das große Sammelwerk der „Forschungen“ ist damals ge-gründet worden. Kurz, so beschränkt die Verhältnisse waren, es warin Straßburg „etwas los“, die Sache „zog“, wie man aus dem steigendenZulauf merkte, und überm Rhein sprach man von der Straßburger Schule. Als die Berufung nach Berlin erfolgte, war Schmoller ernstlichim Zweifel, ob er folgen solle, so sehr befriedigte ihn die neue Schöp-fung-
Da das Herz den Redner macht, so wird sich niemand wundern, daßSchmoller im Innersten seines Wesens ein Redner war; auch in älterenJahren noch konnte er hinreißend sprechen, wie zum Beispiel in derVersammlung des Vereins für Sozialpolitik in Mannheim . Er brauchteeine große Hörerschaft, dann wurde er warm und blieb jugendlich. Auchin seinen Vorlesungen mag es so gewesen sein, und jedenfalls ist es inseinen Aufsätzen deutlich erkennbar: da breitet sich ein ungeheueresWissen erst ruhig aus, bis auf einmal eine glühende Überzeugung durch-bricht und den Leser gefangen nimmt. Immer liegt der Höhepunkt da,wo das Herz die Führung ergreift. Er schrieb außerordentlich 'leichtund flüssig, mit einer etwas frauenhaften Handschrift, mit immer eilen-der Feder, und was er schrieb, hatte die Form der Studie, wie alles,was er sprach, die Form der Rede.
Er blieb der früh begonnenen Aktenforschung immer zugetan undgründete ein Unternehmen eigenster Art, die Acta Borussica , eine viel-bändige Sammlung wohlgeordneter Aktenauszüge über die preußischeStaatsverwaltung. Unter seiner Leitung und Mitarbeit haben hier jüngereHistoriker Vorzügliches geleistet. Es liegt im Plane dieses Werkes, daßes vor allem schwer zugängliches Material aufschließt; der einzelne Teil-nehmer muß sich unterordnen und zuweilen einen Teil seiner Freiheitaufgeben, wie es ja nicht anders möglich ist, wenn viele Kräfte sichvereinen und wenn die behandelten Stoffe so mannigfaltig sind.
Das umfassendste Werk Schmollers ist sein „Grundriß “. Im land-läufigen Sinne bedeutet Grundriß einen Behelf für Vorlesungen des Ver-fassers, mit dem Schema der Einteilung und oft mit Literaturangaben.Das liegt aber hier nicht vor, sondern etwas ganz anderes: eine behag-lich ausgebreitete Darstellung alles dessen, was er in Vorlesungen zubieten pflegte, zwanglos, ohne scharfe Begrenzung, aber voll von An-regungen und bewundernswert durch die Fülle und Vielseitigkeit; eintreffendes Abbild seines geistigen Lebens.
Schmollers Persönlichkeit ist nicht immer richtig verstanden worden.