Gustav von Schmoller.
367
In erster Linie war nämlicli aufs deutlichste erkennbar die unerhörteGeschäftsgewandtheit, die ihm innewohnte: Vereinsleitung, Fakultäts-leitung, Leitung literarischer Unternehmungen: alles dies war großartigentwickelt und erregte bei manchem Betrachter eine gewisse Unruhe;es hieß dann: „er will immer etwas“, und da er auch immer Erfolghatte, so hielten ihn die ferner Stehenden für einen Mann der Geschäfte.Das war er nun allerdings, aber er war es nicht allein, er war es nurnebenher. Man vergleiche doch nur die reinen Geschäftsleute, wie un-ähnlich sind sie ihm! Denn ihn trieb vor allem sein historischer Sinnund sein menschenfreundliches Herz. Was konnte er dafür, daß ihmzugleich Menschenkenntnis und Weltkenntnis verliehen war: hätte erdiese Gaben etwa unterdrücken sollen?
Er hat unzähligen jungen Leuten die Laufbahn eröffnet oder er-leichtert; er hat mit Kollegen niemals Streit gepflogen, wenn auch Rei-bungen nicht ausblieben, denn er war viel zu reich an nie versagenderAuskunft. „Andere Leute müssen auch leben, man stelle sie an denrichtigen Ort — ich werde trotzdem das Meinige erreichen“ — daswar ungefähr seine Gesinnung. Nur ganz selten brach einmal ein ge-sunder Ärger durch, wie bei jedem nicht ganz verkünstelten Menschen.
Merkwürdig war noch eines: er hatte keine nebenher laufende Lieb-haberei. Er war für Theater, für Musik, für Bilder nicht zu haben; ersuchte nie den Abendtisch von Kollegen auf, schon weil das Gesprächweniger seine Sache war; auch gab es keine Lieblingsdichter für ihn.Selbst wenn er aufs Land ging, arbeitete er dort weiter, nur in leichterenSachen, indem er zum Beispiel Bücher für sein Jahrbuch anzeigte. Aberdaß er allen Lebensgenuß entbehrt hätte, glaube man nicht; was ihnso frisch erhielt bis zum 79. Lebensjahr, versteht jeder, der ihn persön-lich kannte. Man muß es gesehen haben, wie ihm „im Hause wohl be-reitet war“ durch die innige Hingabe und das kluge Wirken seiner Frau,die die echteste Gehilfin ihres Mannes war. Sie ersetzte ihm alles, wasandere in Zerstreuungen suchen.
Er ist als Hochbetagter aus dem Leben gegangen; aber seinen Lebens-inhalt hat er uns ganz hinterlassen. Er hat alles erreicht, wonach er jegerungen hat.