Die Schüler und Freunde des Nationalökonomen Lujo Brentano be-reiten sich vor, ihm Glück zu wünschen zur Vollendung des 70. Lebens-jahres. Sein Haupt ist von silberweißen Locken geschmückt, und dieseLocken waren früher schwarz — das aber ist die einzige Veränderung,die sich im Laufe der Jahre vollzogen hat, denn der Gefeierte ist immerjung geblieben mit seinem südländisch-lebhaften Temperament, in seinerfeurig liberalen Gesinnung, mit seiner unermüdlichen Beredsamkeit.
Er war von Anfang an und ist noch heute der tapferste Verfechterder Arbeiterinteressen. Seine Feinde, die so zahlreich sind, möchten ihngern als Sozialdemokraten verschreien, ihn, der immer auf liberalemBoden stand und der von Karl Marx nie etwas wissen wollte; oder siemöchten ihn wenigstens zu den Sozialisten rechnen, was ebenfalls völligverfehlt ist, denn er hat sich von der sogenannten liberalen National-ökonomie niemals losgesagt.
Das Wort Arbeiterfreund ist für ihn zu zahm; denn er ist eine heftigeNatur, und wie er viel gehaßt worden ist, so hat er auch viel gehaßt.Sogar auf einen Preßprozeß mehr oder weniger kommt es ihm nichtan. Aber er hat auch viel Liebe und Verehrung gefunden und viel Liebeerwidert. Sein Gefühlsleben hat nach beiden Seiten den größten Aus-schlag. Er ist mitunter zornig und verfällt leicht in Entrüstung, die ernicht verbirgt. Im mündlichen Verkehr ist er mitteilsam, sprühend inErzählung und Schilderung, trägt alles in greller Beleuchtung vor undfesselt seine Zuhörer, die er nur mäßig zu Worte kommen läßt. Über-all setzt er alles in Feuer; daß er besonnen sei, kann man wohl schwer-lich sagen. Aber unduldsam gegen besonnene Naturen ist er auch nicht;eher dankbar, wenn ihm solche mit Behutsamkeit entgegentreten; sogarfügsam, wo er durchfühlt, daß man ihn zu würdigen weiß.
In seinem Lebenslaufe ist höchst merkwürdig der ganz unerwartetschnelle Aufstieg zu der Höhe, die er seitdem behauptet hat. Nur nochseine Altersgenossen werden sich daran erinnern; vielleicht hören dieJüngeren gerne, wie sich das zugetragen hat.
Es geschah in den Jahren 1871 bis 1872, und alles knüpft sich andie sogenannte Arbeiterfrage an. Lassalle war schon 1864 vom Schau-platze verschwunden. Das große Werk von Karl Marx (1867) wurde