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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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Lujo Brentano im Jahre 1872.

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das Kgl. Preußische Statistische Bureau in Berlin , dessen Direktor Dr.Ernst Engel ein Seminar eröffnet hatte; es war eigentlich für Assessorenbestimmt, aber auch junge Gelehrte fanden Aufnahme. Als nun Engeleine Studienreise nach England machte, forderte er den neu gewonnenenSchüler auf, ihn zu begleiten. Dort waren einige vorurteilslose Männereben mit dem Studium der Gewerkvereine beschäftigt, und in dieseBewegung stürzte sich, vom Rettungsdrang ergriffen, Brentano: er er-forschte die Geschichte dieser Neubildungen und trat alsbald mit einemzweibändigen Werk hervor: Die Arbeitergilden der Gegenwart, Leipzig 1871 bis 1872.

Darin erklangen völlig ungewohnte Töne:

Gilden sind mittelalterliche Vereinsbildungen; sie waren damalsvon der deutschen Rechtsgeschichte neu hervorgesucht: man denke anOtto Gierkes Genossenschaftswerk von 1868. Der französisch gefärbteLiberalismus will zwar, wie oben gezeigt ist, von Zünften und Gildennichts wissen; aber die Tatsache ihres früheren Bestehens muß docherklärt werden. Diese Vereine sind Schutzanstalten der Schwachen gegenbestehende Übermacht.

Sollte Ähnliches nicht auch in der Gegenwart möglich oder gar not-wendig sein? Gewiß, sagt Brentano , und gerade die Gewerkvereine derenglischen Großindustrie sind Gilden in diesem Sinne, nur gehören sieeiner tieferen Schicht der Gesellschaft an. Nicht Kaufleute, nicht Männerdes selbständigen Kleingewerbes, sondern moderne Arbeiter, die im Lohn-verhältnis stehen, greifen nach diesem Machtmittel, um ihre Interessenbei Abschluß des Aibeitsvertrages zur Geltung zu bringen. Es handelt sichnicht um Verbrecherbanden; auch nicht um Verschwörungen, die ge-waltsame Ausstände planen; noch weniger um verblendete Schwarm-geister; sondern es treten ruhige Staatsbürger der unteren Klassen zu-sammen, die sicli nicht jeder Bedingung fügen wollen, die der starkeFabrikant ihnen auf drängt. Sachkundige Führer weisen ihnen den Weg.Nicht Lohnhöhe allein kommt in Betracht, sondern auch die Arbeitszeit,die Frage, ob Stücklohn oder Zeitlohn, und vieles andere. Von dauernderAnregung zum Streik ist nicht die Rede, sondern der Ausstand ist nurdas letzte Mittel,wenn kein anderes mehr verfangen will.

Diese Gedankengänge, heutzutage allgemein bekannt und beinaheselbstverständlich geworden, waren damals (1872) ganz überraschend.Es ergaben sich völlig neue Ausblicke: also Arbeiterbewegung, sagtesich der Leser, ist nicht gleichbedeutend mit Sozialdemokratie und Um-