Druckschrift 
Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
Einzelbild herunterladen
 

Justus von Liebig .

Nach dem Leben gezeichnet.

Festrede, gehalten in der bayerischen Akademie der Wissenschaften am 11. März 1903.

Liebigs Vater besaß ein Malerialwarengeschäft, das in seinem sehrgeräumigen Hause der Louisenstraße in Darmstadt betrieben wurde. Nochum 1847 k am es vor < daß die Muhe 1- Liebigs im Laden saß, um die Auf-sicht zu führen, während Gehilfe und Lehrling die Kunden bedienten.Das Gehen fiel der alternden Frau schon damals schwer, sie schien starkerheumatische Schmerzen zu haben. Nach dem Tode des Gatten (i 85 o)lebte sie im hochgelegenen Erdgeschosse, ohne jemals auszugehen, vomGeschäft gänzlich getrennt, immer sitzend. Sie erzählte oft, daß sie dieEisenbahn noch nie gesehen habe und auch gar nicht neugierig daraufsei.

Ihr Zimmer lag nach dem Louisenplatz; es hatte einen breitenTrittam Fenster, und vor dem Fenster waren, wie damals üblich, Spiegel an-gebracht in solcher Aufstellung, daß man die Straße hinauf- und hinab-sehen konnte, ohne sich vom Stuhle zu rühren.

Es war für ältere Leute sehr unterhaltend, so die Nachbarn aus-gehen oder heimkehren zu sehen. Auch kam hie und da ein Wagengefahren, sei es der des Großherzogs oder jener neue Wagen, worinsich der Ballon mit Leuchtgas befand, der an manchen Häusern halt-inachle, um in die dort aufgestellten Gasometer täglich das Gas ein-zupuinpen. Der große Platz wurde damals neu gepflastert und war mitLaternen besetzt, die noch Öl brannten: sie wurden von weiß ange-strichenen Schlangen gehalten, die sich um die Spitze des Pfahlesringelten. Die Schildwachen vor dem Kanzleigebäude, das gegenüberlag,trugen den Frack und Tschako der Napoleonischen Zeit. Das großeMonument, die hohe Säule aus rotem Sandstein mit dem Schwan-thalerischen Bilde Ludwig des Ersten, war noch nicht lange vollendet.

Das alles betrachtete die geduldige Frau Tag für Tag von ihrejnLehnstuhl aus. Ihren Enkeln, die im Herbst häufig zu Besuche dorteintrafen, schenkte sie, sobald die Messe anfing, jedem 18 Kreuzer. BeiTisch wurden Zinnteller aufgesetzt, und das Fleisch wurde zum Er-staunen der Enkel vom Suppenteller gegessen; am Schlüsse wünschte