375
man sich „gesegnete Mahlzeit“ — eine Sitte, die damals in Süddeutsch-land schon im Verschwinden war. Der Gatte wurde „Liebig“ angeredet.Die Söhne und Töchter des Hauses sagten zu den Eltern „Sie“, währenddie Enkel bereits ihre Großeltern mit „Du“ anredelcn. Die Köchin wurdemit dem singulären „sie“ beehrt: „Mädche, komm’ sie einal hex - .“ FrauLiebig kannte alle Leute in der Stadt und halte manche treffende, etwasdei’be Spitznamen in Bereitschaft, die sie wie etwas ganz Selbstverständ-liches in die Rede einflocht und auf die sich jedermann im vorausfreute. In der Zeit der Kontinentalsperre soll die Frau den Gedankeneines großen Zuckerankaufs gehabt haben, wodurch, wie man sich er-zählte, der Grund zu einem bescheidenen bürgei'lichen Wohlstand gelegtworden sei. Scharfe Beobachtung der Menschen und große Besonnenheitwaren ihre Haupleigenschaflen; nie sprach sie laut und niemals viel.Ihr Bildnis, wie sie ruhig im Armsessel sitzt, lebensgroß in Öl gemalt,wurde im Hause ihres berühmten Sohnes etwa i855 aufgestellt: es istkunstlos, aber schreiend ähnlich, und die Enkel freuten sich, daß dieblauen Adern auf dem Rücken der zarten Hände so deutlich erkennbarwaren.
Herr Liebig, der Vater des Chemikers, war im Hause nicht vielzu sehen; er saß wohl im Kontor oder war in seinem Garten. 'DieserGarten lag auf der anderen Seite der Stadt da, wo jetzt die Martinskirchesteht. In dem Gartenhause war ein Laboratoi’ium, worin der alte Herrvon jeher Versuche in Firnissen und Lacken machte. Als Mann in denSechzigen hatte er einen etwas vorgebeugten Kopf von scharfem Schnitt;auch er redete wenig, und die Enkel bewunderten in seinem Zimmer diegroße Zahl von Fläschchen mit „Lcbensbalsam“, aus denen er Tropfenzu nehmen pflegte. Er besaß alte Bücher, bcsondei's Chroniken aus dem16 . oder 17 . Jahrhundert, die von den Kindern noch mehr angestauntwurden. Auch hing an der Wand ein sehr seltsames Bild, zunächst ganzunbegreiflich: ein junges Weib, mit dem Ausdrucke höchster Angst imGesicht, reichte ihre Brust einem alten Manne, der begierig und hastigdie Nahrung der Säuglinge daraus einsog. Man erzählte, der alle Mannsei zum Hungertode verurteilt und seine Tochter ernähre ihn auf dieseWeise bei ihren Besuchen im Gefängnis. Uns Kindern graute es, wennwir jenes abgelegene Zimmer betraten und noch mehr, wenn wir dortschlafen mußten. Es lag neben der „guten Stube“, die mit Möbeln ausder napoloonischen Kaiserzcit versehen und nur wenig benutzt war.
Eines Tages, als wir gerade in dem unheimlichen Zimmer schliefen,