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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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Y. Lehrer und Freunde.

das über dem Hoftor lag, wurden wir durch ein furchtbares Pochengeweckt: die Leute auf der Straße schrien Feuer, Feuer. Es muß imHerbst 1847 gewesen sein. Ehe wir recht zur Besinnung kamen, tratunser Vater, der Schwiegersohn des Hauses, herein und nahm die Kinderaus dem Belt. Wir wurden über die Gänge auf den Hof geführt undsahen den Dachstuhl des Seitengebäudes brennen. In dem kleinenHof, der voll von Kisten und Kasten für das Materialgeschäft stand,herrschte ein furchtbares Gedränge, man wurde gestoßen und getreten,aber zuletzt erreichten wir die Straße und wurden beim Pförtner desKanzleigebäudes untergebracht.

Damals gab es keine Feuerwehr. Die Neugierigen strömten zusammenund wurden in eineKette geordnet; lederne Feuereimer wurden ge-füllt und flogen von Hand zu Hand, bis sie in den Bauch der Spritzeausgeleert wurden.

Das Hauptgebäude war ernstlich bedroht, und es enthielt die brenn-barsten Vorräte, Öl und Spiritus, in großen Mengen. Der Brunnen imHof war bald erschöpft, und es kam darauf an, ob die Spritzen hin-länglich durch die fliegenden Eimer gespeist werden konnten.

Andererseits aber wußte man gegenüber der Gefahr sehr gut Be-scheid: Männer, die in Laboratorien arbeiten, fürchten sich vor derFlamme nicht. Am wenigsten der Sohn des Hauses, der auch zu Besuchin den Ferien anwesend war, Justus von Liebig . Er bestieg sofort dasDach eines niedrigen Magazins, von wo man die Brandstelle beherrschenkonnte und richtete die Mündung des Schlauches nach dem Hauptherde.Der Dachstuhl des Seitengebäudes war freilich verloren und krachtebald zusammen, aber die anderen Stockwerke und das Hauptgebäudeblieben unversehrt.

Nach einigen Stunden war der Brand gelöscht. Alle Bewohner desHauses sammelten sich in derguten Stube, jeder hatte seinen Leuchtermit der Talgkerze in der Hand. Der alte Herr Liebig war doch starkerregt; seine Frau hingegen gewann sehr bald ihre gewöhnliche Ruhewieder. Man redete hin und her, wie das Unglück wohl entstanden seioder tröstete, der Schade sei ja nur gering.

Da setzte der alte Herr Liebig seinen Leuchter auf den Boden, bücktesich an der Tür nieder und hob mit einigen Griffen die Schwelle heraus.Es zeigte sich ein verstecktes Behältnis. Der alte Mann legte sich nun aufden Boden und langte mit dem einen Arm in die Vertiefung hinunter.Er mochte wohl Wertsachen herausholen oder wieder hineinlegen. Dann