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V. Lehrer und Freunde.
Stellern lernte? Hier schuf die neue Zeit selber etwas Neues, und diesNeue war zugleich von höchster Brauchbarkeit.
Wer hat die Gegend des Laplatastromes mit Industrie erfüllt? Wemverdanken wir die zahllosen Schlote chemischer Fabriken im WestenDeutschlands von Metz bis Magdeburg ? Tausende von Arbeitern lebendavon, Hunderte von reich gewordenen Fabrikanten gründen ihrmodernes Junkertum auf seine Leistungen. Das sind so die Brocken,die von seinem Tische fielen. Seine Schüler waren es, welche die Teer-farbenindustrie ins Leben riefen. Der Chemiker A. W. Hofmann ist seinSchüler gewesen: ihn hatte er erkannt, den ratlos gewordenen Gießener Studenten aus dem Nachbarhause, der selber nicht ahnte, was in ihmlag; er hat ihn zurecht geschmiedet, denn die chemische Pädagogikverstand er wie sonst keiner.
Auch die agrarischen Junker — sie wohnen von Magdeburg bisMemel — haben den Hauch seines Geistes gespürt. Sie hatten bis dahinvon Begulierungen und Ablösungen gesprochen, von Separation, vomLeutnantsdienst in Potsdam , vom charakterlosen Westen. Nun tauchtedie Frage der Pflanzenernährung auf, die künstliche Düngung wurdesogar als Tischgespräch zulässig, man hörte die Worte Kali und Super-phosphat. Neben den alten Meister Albrecht Thaer stellte sich der jungeLiebig und half dem Osten empor.
Die deutsche Sprache hat er gezwungen, sich dem Ausdrucke chemi-scher Gedanken zu bequemen. Wie leicht lesen sich die „chemischenBriefe!“ Selbst Jakob Grimm hat das mit warmen Worten anerkannt,er, der Mann der Rechtsaltertümer, grüßte freundlich hinüber zu demManne, der über Guano und Stickstoff schrieb.
Viel von seiner beredten Schreibart hatte sich Liebig als junger Mannin Frankreich angeeignet, und die Erlernung der französischen Sprachehat ihm manches Versäumte ersetzt. In den gedrängt vollen Vorlesungenin Paris mußte man früh am Platz erscheinen, wenn man die Experi-mente sehen wollte, und in diesen vielen Viertelstunden des Wartenspflegte er Bücher zu lesen und aus tragbaren Wörterbüchern Rat zuschöpfen. Eine warme Dankbarkeit für das, was er in Frankreich ge-nossen hatte, bewahrte er bis zu allerletzt. Auch damals, als politischeLeidenschaften aufloderten, hat er nie geduldet, daß über diese Nationganz im allgemeinen absprechend geurteilt wurde.
Auch muß man Liebigs Ausfälle gegen die Gelehrsamkeit nicht zuwörtlich nehmen. Es waren immer merkwürdige Bücher aus der Hof -