Vierzehnter Brief
einzige wäre, warum man ihn beybehalten solle. Rechnen siedas Vergnügen, welches ans der Betrachtung der glücklich übcr-sticgncn Schwierigkeit entstehet, für nichts? Ist es kein Ver-dienst, sich von dem Reime nicht fortreißen zu lassen, sondernihm, als ein geschickter Spieler den unglücklichen Würfen, durchgeschickte Wendungen eine so nothwendige Stelle anzuweisen,daß man glauben muß, unmöglich könne ein ander Wort an-statt seiner stehen? Zweifelt man aber an der Möglichkeit die-ser Anwendung, so verräth man nichts, als seine Schwäche inder Sprache, und die Armuth an glücklichen Veränderungen.Halter, Hagedorn, Gcllcrt, Utz zeigen genugsam, daß man überden Reim herrschen, und ihm das vollkommene Ansehen derNatur geben könne. Die Schwierigkeit ist mehr ein Lob fürihn, als ein Grund ihn abzuschaffen. — — Und also, meinHerr, schließen Sie wohl, daß ich ganz und gar wider die reim-losen Dichter bin? Nein; sondern ich dringe nur auch hier aufeine republikanische Freyheit, die ich überall einführen würde,wenn ich könnte. Den Reim für ein nothwendiges Stück derdeutschen Dichtkunst halten, heißt einen sehr gothischen Geschmackverrathen. Leugnen aber, daß die Reime oft eine dem Dichterund Leser vorthcilhaftc Schönheit seyn können, und es aus kei-nem andern Grunde leugnen, als weil die Griechen und Römersich ihrer nicht bedient haben, heißt das Beyspiel der Altenmißbrauchen. Man lasse einem Dichter die Wahl. Ist seinFeuer anhaltend genug, daß es unter den Schwierigkeiten desReims nicht crstückt, so reime er. Verliert sich die Hitze seinesGeistes, während der Ausarbeitung, so reime er nicht. Es giebtDichter, welche ihre Stärke viel zu lebhaft fühlen, als daß siesich der mühsamen Kunst nnterwcrfcn sollten, und diese oiZonclitlim«- wbor vt mor->. Ihre Werke sind Ausbrüchc des sie trei-benden Gottes, «juos noc mulw clies nec multa litur» co^rcuit.Es giebt andre welche -Hör«; r-mos nennt, und welche nur all-zuviel Democrite unsrer Zeit üvlioono exeluclunt. Sie wissensich nicht in den Grad der Bcgcistrung zu setzen, welcher jeneneigen ist; sie wissen sich aber in demjenigen länger zu erhalten,in welchem sie einmal sind. Durch Genauigkeit und immergleiche mäßige Lebhaftigkeit ersetzen sie die blendenden Schönhci-