24
Fünftes Kapitel
Die Vertreter der richtenden Nationalökonomieund ihre Lehren
1. Die Scholastikera) Aristoteles
Wir können auch der scholastischen Nationalökonomie wie allerscholastischen Philosophie nicht gerecht werden, wenn wir uns nichtvorher mit den Lehren des Aristoteles bekannt gemacht haben.
Aristoteles ist ja derjenige Denker, der am tiefsten auch dieProbleme des Wirtschaftslebens erfaßt hat und der mit seiner Artder Betrachtung auch für die Lehre von der Wirtschaft zweitausendJahre hindurch die Richtlinien vorgezeichnet hat.
Entscheidend für die Auffassung des Aristoteles ist der Ort,wo er die wirtschaftlichen Dinge abhandelt. Das geschieht natürlichim Rahmen seines philosophischen Systems, und zwar im „prak-tischen“ Teil, der die auf das Handeln bezüglichen und dieses nor-mierenden Erkenntnisse enthält, und zwar im ersten Buche der „Po-litik“. Auch inhaltlich ist seine Wirtschaftslehre in das gesamteethisch-politische System eingegliedert, die ökonomischen Theoriensind mit der allgemein-philosophischen Weltanschauung auf dasinnigste verbunden. Darum gilt es zunächst der Wirtschaft einenPlatz auf der Stufenleiter der Werte anzuweisen. Daß diese einedenkbar tiefe war, entsprach der Gesamteinstellung der Angehörigender griechischen Herrenschicht. Man hat zutreffend gesagt, daß diealten Philosophen ihre Schüler den Reichtum vielmehr verachten,als hervorbringen gelehrt haben. Sich mit wirtschaftlichen Dingenbefassen, galt als verächtlich. Unmöglich kann, meint Aristoteles ,wer das Leben eines Handwerkers oder Lohnarbeiters führt, dieWerke der Tugend ausüben. Jedenfalls soll die Wirtschaft immernur Mittel sein. „Der Reichtum ist nützlich und ist um eines anderen(eines Zweckes, der außer ihm liegt) willen da.“ Aristoteles ver-gleicht ihn mit einer Flöte. Worauf es ihm vor allem ankommt, istdie richtige Verwendung der Güter zu lehren. Deshalb unterscheideter — und diese Unterscheidung bildet den Kernpunkt seiner Lehre