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Die drei Nationalökonomien : Geschichte und System der Lehre von der Wirtschaft / Werner Sombart
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der bewußten oder unbewußten Annahme einer bestimmtenTen-denz des Geschehens.

Der Geltungswert der Tendenz kann nicht zweifelhaft sein: siehat nicht die Dignität der Notwendigkeit, sondern trägt nur einenmehr oder weniger hohen Grad von Wahrscheinlichkeit an sich:es besteht eine größere oder geringereChance, daß die Dinge sichso gestalten werden, wie man annimmt. Der Grad der Wahrscheinlich-keit eines der angenommenen Tendenz entsprechenden Ablaufs der Er-eignisse hängt einerseits ab, wie ich schon sagte, von der richtigen Ein-schätzung der wißbaren Zustände, andererseits von dem Eintritt oderNichteintrittzufälliger Ereignisse: die ganze Arbeit der Versiche-rungsgesellschaften ist zerstört, wenn ein Krieg wie der Weltkrieg undeine Entwertung der Valuta, wie wir sie erlebt haben, dazwischen-fährt, wie ein Komet in das Planetensystem.

Die Urteile über Tendenzen kann man fester begründen, wenn mandort, wo sich Ziffern angeben lassen, den Apparat der Wahr-scheinlichkeitsrechnung in seinen Dienst nimmt. Man kanndamit den Begriff derobjektiven Möglichkeit bilden und sagen,daß der Eintritt eines Ereignisses diesen oder jenen Grad von Wahr-scheinlichkeit habe. Daß derartige zahlenmäßige Bestimmungen einerTendenz nur in seltenen Fällen möglich sind, leuchtet ein.

Die Zuverlässigkeit des Tendenzurteils hängt in hohem Maße abvon der Zeitlage. Es gibt Zeiten, in denen sich der Verlauf des Wirt-schaftslebens leichter als in anderen Voraussagen läßt. Von welchenUmständen das abhängt, soll hier nicht erörtert werden: es führthinüber in den Aufgabenkreis der materialen Nationalökonomie.Uns mag es an dieser Stelle genügen, daß wir in denTendenzeneinen Begriff gefunden haben, mittels dessen wir Erscheinungen derWirklichkeit zur Einheit zusammenfassen können, auf die der Be-griff des Gesetzes ihres empirischen Charakters wegen nicht an-wendbar ist.