298
Einen besonders verhängnisvollen Irrtum enthält die Unterschei-dung von „reiner“ und „angewandter“ Theorie. Alle Theorie ist„rein“, nämlich raum- und zeitlos. Man kann wohl von der An-wendung der Theorie (in der Empirie und in den Kunstlehren)sprechen, aber' nicht von „angewandter“ Theorie im Gegensatz zueiner „reinen“. Auch die angewendete Theorie bleibt „rein“. Mankann auch — wie wir noch sehen werden —• den Unterschied vonallgemeiner und historischer Theorie machen; aber beide sind „reine“Theorien. Allenfalls könnte man die Aprioribestandteile der Theorieden übrigen Bestandteilen als „reine“ gegenüberstellen. Aber das führtauch zu Unklarheiten, so daß man den Ausdruck „reine“ Theorielieber vermeidet.
Was es mit einer nationalökonomischen Theorie in Wahrheit aufsich habe, läßt sich etwa wie folgt umschreiben:
Von etwas Theorie treiben, hat einmal v. Gottl treffend gesagt,heißt nie etwas anderes, als darüber wahrhaft und in Einheit zuEnde denken. Machen wir uns klar, was das bedeuten kann.
„Theorie treiben“ ist also so viel wie „theoretisch denken“. Da-runter aber haben wir zu verstehen: Akte zur Bildung derjenigenKategorien (Begriffe), mit denen die lebendige Wirklichkeit „um-griffen“ werden kann, in denen das Allgemeine im Besonderen er-faßt oder — wie wir es auch ausdrücken können "— im Wissen aufseine grundsätzlichen Bestandteile zurückgoführt wird.
Im Bereiche der Geistwissenschaft heißt das aber: das Wesen einesSachverhalts, eines Gebildes sich zum Bewußtsein bringen, heißt es:den Sinn begrifflich durchdringen, heißt es: objektiven Geist in sub-jektiven zurückverwandeln.
„Eine Theorie aufstellen“ bedeutet dann soviel wie die Einzel-begriffe zu einer systematischen Einheit zusammenfügen, bedeutetsoviel wie die Übertragung der objektiven Sinnzusammenhänge inGedankenzusammenhänge, das heißt in ein Begriffssystem. Frucht-bare Begriffssysteme zu schaffen, ist eine der Hauptaufgaben derTheorie, und sie erfüllt diese Aufgabe dann, wenn sie die Wirklichkeitliebevoll umfaßt und den Sinn des Seienden möglichst getreu in ihrenBegriffen zum Ausdruck bringt: in einer tunlichst weitgehenden Ent-