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Die drei Nationalökonomien : Geschichte und System der Lehre von der Wirtschaft / Werner Sombart
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abwegig, wenn man die Wirtschaftsgeschichte aus unserer Wissen-schaft ausschließt. Diese wird dadurch zu einem sinnlosen Bruch-stück. Die Beschränkung der Nationalökonomie auf die Theorie istganz naturgemäß entstanden in der Zeit der naturwissenschaftlichenBehandlung unseres Wissensgebiets, als den Forschem so etwas wieeine Physik oder Mechanik des Wirtschaftslehens vor Augen schwebte(siehe oben S. 122U). Damals mußte eine Wissenschaft, die dieGe-setze des Wirtschaftslebens herausarbeitete, in der Tat als eine selb-ständige Wissenschaft erscheinen. Heute, wo wir als die Aufgabeunserer Wissenschaft das Verstehen der wirtschaftlichen Zusammen-hänge erkannt haben, hat die Abschnürung der Wirtschaftsgeschichtenicht den mindesten Sinn mehr. Denn heute wissen wir ja, daß unsereigentliches Ziel diese Empirie ist und daß uns die Theorie nur denWeg zu diesem Ziele bahnen soll. In der Umkehrung des Zweck-Mittel-Verhältnisses zwischen Theorie und Empirie trittder ganze große Unterschied zwischen der naturwissen-schaftlichen und kulturwissenschaftlichen Auffassung derNationalökonomie zum Greifen deutlich in die Erscheinung.Die Naturwissenschaftler drücken dieses Verhältnis so aus:Con-crete economics comes in to Supplement the pure economy, wie esselbst dergemäßigte Keynes sen. formuliert. Wir dagegen sagen:the pure economy comes in to Supplement concrete economics, zudeutsch : wir studieren die Geschichte, das heißt das wirkliche Wirt-schaftsleben nicht, um Theorien aufzustellen, sondern wir stellenTheorien auf, um die Wirklichkeit zu verstehen. DieGesetze stehenbei uns nicht am Ende, sondern am Anfang unserer Untersuchungen.Ein ganz kleiner Unterschied in der Satzstellung, und doch schließter eine Welt ein. Der Gegensatz zwischen theoretischen und histori-schen Nationalökonomen ist damit aber auch hinfällig geworden. Wernicht Theorie und Empirie gleichmäßig treibt, ist überhaupt keinganzer Nationalökonom, sondern nur ein Teil von einem solchen. Na-tionalökonomie als sinnvolles Ganzes stellt eine Vereinigung vonTheorie und Empirie dar. Wir können ein bekanntes Kantisches W T ortauf das Verhältnis der beiden Seiten unserer Wissenschaft zueinanderanwenden, indem wir sagen: eine Nationalökonomie ohne Theorie istblind, eine solche ohne Empirie leer.