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Die drei Nationalökonomien : Geschichte und System der Lehre von der Wirtschaft / Werner Sombart
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Wissenschaft überhaupt keinenSinn, da sie ja doch kein Wesens-wissen übermittelt.

Ganz anders ist in dem Bereiche des Kulturerkennens das Ver-hältnis von Wissenschaft, Kunstlehre und Technik, das heißt Praxiszueinander. Und zwar aus folgenden, einleuchtenden Gründen:

1. ist der Problemkreis der Praxis, des praktischen Handelns imBereiche der Kultur ein grundsätzlich anderer als im Bereiche derNatur. In diesem hat die Technik es immer nur mit Bekanntem zutun: selbst die kühnste, technische Neuerung ob drahtlose Tele-graphie, ob Bau eines Luftschiffes, ob Gewinnung des Stickstoffesaus der Luft besteht in nichts anderem als der Inbeziehungsetzungbekannter Stoffe und Kräfte; gerade in der genauesten und allge-meinsten Bekanntschaft mit diesen beruht ja die Fähigkeit der Neu-gestaltung. Dagegen handelt es sich nun bei jedem Eingriff in mensch-liche Verhältnisse, also auch bei jeder Tätigkeit des Unternehmersoder des Wirtschaftspolitikers, um die Vereinigung bekannter Fak-toren mit unbekannten zur Herbeiführung der gewünschten Wir-kung. Bekannt ist alles, was vergeistet, in Geistgebilden niederge-schlagen ist: also in Rechtssatzungen, Organisationen aller Art, Steuer-systemen, Buchhaltungssystemen, Statistik, Vorschriften usw. Unbe-kannt ist alles, was noch Seele ist.

2. müssen wir uns klar machen, daß erlernbar nur das Be-kannte ist. Dieses hat sich nun im Bereiche der Wirtschaft in denZeiträumen, in denen der Kapitalismus geherrscht hat, zweifellos be-trächtlich vermehrt in dem Maße, wie die Vergeistung der wirtschaft-lichen Vorgänge namentlich in den Betrieben fortgeschritten ist. Indemselben Maße haben sich die Kunstlehren ausgebreitet und ver-vollkommnet. Namentlich die Privatwirtschaftslehre hat im letztenMenschenalter eine Wiedergeburt erlebt und sich recht und schlechtzu einer imposanten Disziplin entwickelt, die sich anschickt, auchdie wirtschaftspolitischen und wirtschaftswissenschaftlichen Kathederzu besetzen. An den Hochschulen, aber auch an den Universitäten,mehren sich die nationalökonomischen Vorlesungen, in denen etwasgelehrt wird, das in irgendeinem künftigen Berufe verwendet werdenkann: Genossenschaftswesen, Bankwesen, Versicherungswesen oderdergleichen. Gegen diese Entwicklung sind keine Bedenken zu erheben.