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Die drei Nationalökonomien : Geschichte und System der Lehre von der Wirtschaft / Werner Sombart
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Streben hinzielt. Die Monographie kann Teile dieses Gebäudes inbereits geprägter Form liefern: Kapitelle, Säulen, Archilrave, Friese,die dann in den Gesamtbau als solche eingefügt werden. Die nichtgestaltete Einzelerkenntnis ist nur Rohstoff, dessen natürlich der Bau-meister in weitestem Ausmaße benötigtWo die Könige bauen,haben die Kärrner zu tun. Ihren Sinn bekommt die empirischeEinzelforschung nur durch ihre Verwendbarkeit als Baumaterial, dieTheorie aber nur durch ihre Verwendbarkeit als Werkzeug oderBaugerüst.

Die Geschichte einer Geistwissenschaft wie der Nationalökonomieerscheint deshalb nicht im Bilde eines wachsenden Berges von Er-kenntnis oder einer meßbaren Annäherung an ein bestimmtes Ziel wie die Geschichte einer Naturwissenschaft: sie stellt vielmehreine Sammlung von Gestalten dar mit eigenem künstlerischem undphilosophischem Gehalt, deren jede aus dem Geiste ihrer Zeit herausverstanden sein will. Vergleichbar darin, wie wir sahen, der Ge-schichte der philosophischen Systeme und der Kunstschöpfungen.Von denen aber alle Geistwissenschaft auch wieder sich grundsätzlichunterscheidet, insofern nämlich, als sie Anspruch darauf erhebt,reines, allgemeingültiges Sachwissen darzubieten, das heißt ebenWissenschaft zu sein. In dieser unausgesetzten Spannungzwischen den Anforderungen der Wissenschaft und der Ver-lorenheit an Philosophie und Kunst tritt das innerste Wesender Geistwissenschaften zutage, liegt aber auch ihre Tragik be-gründet.

In dieser Eigenart der Geistwissenschaften wird uns nun aber auchderen objektiver Wert offenbar. Die Wissenschaft in dieser Gestaltist selbst ein Dienst an der Kultur, und wir tragen, indem wir Wissen-schaft treiben, dazu bei, die uns gestellte Aufgabe des Kulturmenschenzu erfüllen. Nicht nur, indem wir wertvolle Persönlichkeiten ausbildenhelfen, sondern durch die bloße Tatsache, daß wir wertvolle, wissen-schaftliche Werke schaffen. Diese haben ihren eigenen, selbständigenWert neben den Werken der Kunst und der Philosophie. So wie dasschöne Bildwerk oder das große Drama oder die inhaltreiche Sym-phonie Werte darstellen, auch wenn sich niemand an ihnen erbaut, undwert waren, geschaffen zu werden, auch ohne daß sie in Menschen-