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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
Entstehung
Seite
41
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Begriff der nationalen Differenziierung.

II

in größerem Umfange ich dem Leser diesmal nicht ersparen kaiin,wenn ich sie auch größtenteils in die Anlagen verwiesen habe.Wovon ich mit ihm plaudern möchte, gehört noch zu dem, was dervorige Abschnitt enthält. Es ist das, was man die nationaleDifserenziiernng unseres Wirtschaftsgebiets nennen kann, d. h. sindMaß und Art, wie Deutschlands Wirtschaftsleben vor hundertJahren in Beziehung zum Ausland stand, in welchem Umfangedie Bedarfsbefriedignng seiner Bewohner im Austausch mit denLeistungen fremder Nationen erfolgte, ist wenn man will, das Quan-tum und Quäle von Verunselbständigung des deutschen Wirtschafts-gebietes in jener Zeit, dafern ja alle Differenziierung auf eine Ver-unselbständigung hinausläuft.

Was hier zunächst Schwierigkeiten bereitet, ist die Unfaßbar-keit, richtiger noch die Unauffindbarkeit eines einheitlichendeutschen Wirtschaftsgebietes, das man als abgeschlossenesGanze dem Auslande gegenüberstellen könnte. Das erste Drittel desneunzehnten Jahrhunderts kennt ja, wie wir schon bei anderer Ge-legenheit beobachten konnten, nur eine Vielheit von einander durchZollschranken getrennter einzelstaatlicher Wirtschaftsgebiete, die sichin jahrhundertelanger Sonderstellung, so gut es bei der Kleinheitanging, zu wirtschaftlichen Einheiten herausgebildet hatten. Preußen war gegen Sachsen, Bayern gegen Württemberg, Baden gegenHessen und so fort Ausland geworden, und allenationale Differen-ziierung" war somit, da es keinerlei wirtschaftliches Band gab, dasdie sämtlichen Staaten ebenso umschlossen hätte wie jeden einzelnen,nur eine Differenziierung der einzelnen deutschen Gaue unter-einander. Es ist nun wohl offensichtlich, daß wir einen solchenZustand unserer Betrachtung, die uns eine Vorstellung von demGrade der national-deutschen oder sagen wir mit moderner Ter-minologie reichsdeutschen Einbezogenheit in weltwirtschaftliche Be-ziehungen vor hundert Jahren verschaffen soll, nicht zu Gruudelegen können. Denn worauf es uns doch ankommt- unausgesetztVergleiche anzustellen zwischen dem Damals und Heute, würde jauns unmöglich gemacht sein. Wir würden sür die frühere Zeitnurweltwirtschaftliche" Beziehungen einzelner der heutigen Bundes-staaten kennen, an denen uns nichts gelegen ist.