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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
Entstehung
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45
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Artcharakter des deutschen Außenhandels im Anfang des Jahrhunderts. 45

Nahrungsmittel und Rohstoffe aus der einen Seite, verhältnis-mäßig hohe Preise der gewerblichen Erzeugnisse andrerseits, derenHerstellung in sortgeschritteneren Ländern bereits mittels einervollkommeneren Technik, z. B. unter Zuhilfenahme von Maschinen,erfolgt. Diese Zusammenhänge muß ich bitten als notwendige an-zuuehmen, ohne daß ich deu Beweis dafür erbrächte. Ebenso nehmeman gläubig von der Existenz eines allgemeinen volkswirtschaft-lichen Gesetzes Kenntnis, wonach die Waren die Tendenz haben,sich aus einem Gebiete mit niedrigen Produktionskosten in einsolches mit hohen Preisen zu transloziereu. Wenn eine TonneGetreide an einem Orte 100 Mk., an einem andern 150 Mk.herzustellen kostet, so werden die Konsumenten an letzterem Orteeine Anziehungskraft auf das Getreide ausüben, das an dem Orteerzeugt wird, wo fein Herstellungspreis nur 100 Mk. beträgt.

Aus diesen Prämissen kann nnn ohne weiteres auf den Art-charakter des deutschen Außenhandels vor hundert odervor sechzig Jahren geschlossen werden; statistische Ziffern brauchtes dazu gar nicht; sie dienen höchstens dazu, die Richtigkeit dertheoretischen Schlüsse zu bestätigen. Es wird, denke ich, genügen,wenn wir im folgenden unser Augenmerk richten auf diejenigenWarenwerte, die einen Überschuß der Einfuhr oder der Ausfuhrdarstellen; denn offenbar kommt in ihnen die Eigenart der welt-wirtschaftlichen Verknüpfung eines Landes am deutlichsten zumAusdruck. Der Leser möge jetzt die Anlage zu rate ziehen.

Die Ziffern stellen den Durchschnitt der Jahre 18371839dar. Ich beginne mit einer Übersicht über die Ausfuhr. Daergibt sich, daß rund ein Viertel der Ausfuhr von Nahrungsmittelnund Rohstoffen gebildet wird. Speziell an Getreide konnte dasdainalige Deutschland noch beträchtliche Mengen an das Auslandabgeben. Wenn wir die preußischen Verhältnisse, was angängigist, auf die des zollgeeinten Deutschlands übertragen, so würdennach den Berechnungen zuverlässiger Statistiker damals noch etwaein Fünftel bis ein Viertel der gesamten Weizenernte und etwa6 also etwa ein Siebzehntel der Roggenernte mehr ausgeführt,also über den Bedarf der eigenen Bevölkerung hinaus produziertworden sein: ein Zustand, der übrigens noch mehrere Jahrzehnte