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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
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Die Technik.

War keine Entwicklima, des Maschinenwesens ohne Entwicklungdes Maschinenbaues möglich, so wären beide zur Kümmerlichkeitverdammt gewesen, wenn ihnen die Eisenindustrie mit ihren ge-waltigen Fortschritten während des neunzehnten Jahrhunderts nichtein so gutes und billiges Material geliefert hätte. Man muß dieverzweifelten Schilderungen der Ingenieure aus der zweiteu Hälftedes achtzehnten und den ersten Jahrzehnten des folgenden Jahr-hunderts leseu, als selbst in England , von dem die übrige Welteinen großen Teil ihres Eisens und Stahls bezog, die gesamteAusbeute an Roheisen nicht mehr betrug als heute diejenige eineseinzigen Hochofens (1796 wurden in ganz England erst 125 079 tRoheisen gewonnen), als die Stahlerzeugung noch so sehr vomZufall abhing, daß mau jeden Metallklumpen erst darauf prüfenmußte, ob er sich besser zu Schmiedeeisen oder zu Stahl eigeue:um zu begreisen, wie recht eigentlich erst die Fortschritte in derEisen- und Stahlbereituug die moderne Maschinenära ermöglichthaben.

Die Umwälzungen, die die Technik auf dem Gebiete der Eisen-industrie während des letzten Jahrhunderts erfahren hat, lassenbesonders deutlich erkennen, wie es die Auwenduug der natur-wissenschaftlichen Erkenntnis und die in ihrem Gefolge sich ein-stellende Emanzipation vom Organischen ist, was die quantitativeund qualitative Steigerung der Leistungen hervorgerufen hat.

Die theoretische Grundlage der modernen Eisenindustrie bildetdie Verbrennungstheorie Lavoisiers, die die Vorgänge im Hoch-ofen uud im Frischfeuer erst verständlich machte. Auf ihr bauteC. I. B. Carstens weiter, der (1814) den Einfluß des chemischgebundenen und ungebundenen Kohlenstvffec' im Eisen ent-deckte. Der erste große Fortschritt von praktisch entscheidender Be-deutung aber war die Emanzipation von der Holzkohle, derenPreissteigerung bei wachsendem Bedarf an Eisen dieses un-gebührlich verteuerte. Sie erfolgte für die Roheisennewinuuugdurch die Erfindung des Kvkeshochofens, für die weitere Verarbei-tung des Roheisens zu Schmiedeeisen und Stahl durch die Erfin-dung des Puddelverfahrens (1784), das au Stelle des Herd-frischens trat und nicht nur Holzkohle, sondern auch Menschenarbeit