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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
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Die Technik.

unterworfen blieb: Emanzipation vom menschlichen Organismus!Trotz der augenfälligen Borzüge, die das Bessemer- und Siemens-Martin-Verfahren gegenüber dem Puddelverfahren aufweisen, bewahrtsich letzteres doch immer noch ein gewisses Ansehen, weil das ausihm gewonnene Schmiedeeisen Vorzüge aufweisen soll, die demFlußeisen bezw. Flußstahl abgehen. Freilich: die gewaltige Zu-nahme der Eisen- und Stahlproduktion der letzten Jahrzehutekommt wesentlich auf Rechnung des Flußeiseus, wahrend dasSchweißeiseu seit einigen Jahren sogar eine nicht unbeträchtlicheVerringerung seiner Produktionsmenge ausweist. Während imJahre 1890 in Deutschland im Schweißeisenbetrieb noch 2194 200 t,gegenüber 2 921000 t im Ftußeisenbetrieb verarbeitet wurden, sankjene Ziffer bis zum Jahre 1900 ans 1 347 700 t, während dieseans 8 372 500 t, stieg. (Stat. Jahrb.)

War die Erfindung Bessemers, die die Welt mit Flußstahlüberströmte, von ausschlaggebender Bedeutung für die Industriealler Kulturländer, so sollte die zweite große Erfindung auf demGebiete der Eisenverarbeitung (1878), die zwei andere Engländer,Thomas uud Gilchrist, zu Vätern hat, sich ganz besonders fürdie deutsche Eisenindustrie und damit in hervorragendem Maßefür die deutsche Volkswirtschaft als vou entscheideuder Wichtigkeiterweisen. Das Thomas-Gilchristsche Verfahren beruht, wie wiederumjeder Gebildete weiß, auf einer nicht sauren, sondern basischenSchlackenbildung, die man durch Ausfüttern des Konverters mitgebrannten Dolomitsteinen erzielte. Dieses Verfahren das istdie Pointe ermöglichte es, anch stark phosphorhaltiges Roh-eisen im Konverter zu gutem Schmiedeeisen und Stahl zu ver-arbeiten. Die Bedeutung der neuen Methode für Deutschland ist nunaber in der Tatsache begründet, daß die deutsche Eisenerzförde-rung stark phosphorhaltig ist und daher vor der Entphosphorungdurch das Thomasversahren zur Stahlbereitung schwer brauch-bar war. Jetzt dagegen ist gerade der hohe Phosphorgehalt derdeutschen Eisenerze zu einem Segen für das Land geworden, dennwie wir an anderer Stelle sahen, sind die beim Thomasverfahrengebildeten Schlacken ein außerordentlich nützliches Nebenprodukt,das als künstlicher Dünger Verwendung findet. Es ist deshalb