Die Erfüllung der Bedingungen des Lieserungshandels. 239
konnte. Ich möchte hinzufügen: und die kaufmännische „Moral"mußte erst so weit entwickelt sein, um bei technischer Möglichkeitnun die exakte Lieferung auch zur Wirklichkeit werden zu lassen.In der frühereu Zeit, die mau so gern als die gute alte und inökonomischer und besonders kommerzieller Beziehung als die„solide" zu bezeichnen pflegt, war es durchaus uicht so selbstver-ständlich, wie es uns heute erscheint, daß der Fabrikant (dernicht mehr unter dem Druck der alten Handwerkerehre stand) ge-willt war, nach bestem Wissen und Gewissen die ihm in Auftraggegebene Partie der Probe entsprechend herzustellen. Im Gegen-teil: man konnte als Regel annehmen, daß er gute Proben sandte,um dann minderwertige Ware zu liefern. Von dieser niedrigenStufe erhebt sich die kaufmännische „Moral" erst dann, wenn derWettbewerb so scharf geworden ist, daß man die Zeitverlustescheut, die notwendig aus der Anwendung eines unehrlichen Ge-bahrens folgen müssen, Zeitverluste, die durch Beschwerden, Rück-sendungen der fehlerhaften Ware usw. entstehen.
Dann aber hat die neue Form des Handelsgeschäfts als not-wendige Voraussetzung ersprießlicher Anwendbarkeit vor allem dieVervollkommnung des Personen-, Güter- und Nachrichtentrans-ports, wie sie sich seit Verbreitung der Telegraphie und Ausbaudes Eisenbahnnetzes, sowie im Gefolge der verbesserten Postorgani-sation, in Deutschland also wiederum zuerst in den 1850 er und1860 er Jahren fühlbar machte. Was hierdurch an Norbedinguugenfür die neue Handelsorganisation geschaffen wurde, war vor-nehmlich dieses: 1. eine Publizität des Marktes infolge regel-mäßiger Preisnotierungen und Preisbetanntinachungen in denZeitungen, die es dem Käuser ermöglichte, ohne Gefahr der Über-vorteilung eine Offerte zu akzeptieren, die ihm schriftlich über-mittelt wurde. So lange diese Öffentlichkeit der Marktvorgängenicht bestand, konnte sich der Preis nur durcb/ die persönlicheFühlung zwischen einer Reihe ortsanwesender Kontrahenten bilden.Der Anbietende war erst sicher, bei Annahme einer Offerte nichtübervorteilt zu sein, nachdem er bei seinen Nachbarn herumgehorchthatte, was man ihnen wohl böte, nachdem er mit mehrerenKunden verhandelt, gefeilscht, geschachert hatte.