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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
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Das Gewerbe.

Die Wäschekonfektion, d. h. im wesentlichen die Herstellungvon Damen- und Kinderwäsche, hat ihre Hauptsitze iu Berlin , wo30 Engrosfirmen etwa S000 Arbeiterinnen beschäftigen, in Breslau und Köln . Sie nimmt ihren Ausgangspunkt von zwei Seitenher, von den Leinenhandlungen und von den Nähschulen. Sieunterscheidet sich von den übrigen Zweigen der Konfektion wesent-lich dadurch, daß ihre Erzeugnisse früher der Regel nach über-haupt nicht gewerbsmäßig, sondern in der Familie hergestelltwurden.

In allen Fällen nun aber, in denen es sich nicht um einebloß indirekte Abhängigkeit vom Kapital handelt, in denen derKapitalismus sich auch nicht der Form der hausindustriellen Orga-nisation bedient, kann es offenbar nur die Gestalt des Groß-betriebes sein, in der der Kapitalismus das ehemalige Schaffens-gebiet des Handwerks erobert. Das müßte also seinen ziffer-mäßigen Ausdruck in der Gewerbestatistik finden und findet esauch bis zu einem gewissen Grade und bei kritischer Betrachtung.

Zunächst dürfen wir den Begriff desGroßbetriebes" nichtzu eng fassen. Vielmehr wenn wir erfahren wollen, wo der gewerb-liche Kapitalismus vordringt, müssen wir auch in denjenigen Größen-klassen Umschau halteu, die von der Statistik als sogenannteMittelbetriebe" bezeichnet werden. In ihnen können zwarauch Großhandwerker ihr Wesen treiben. Aber häufiger doch wohldasjenige, was ich kleinkapitalistische Unternehmer genannt habe.Die kleinkapitalistische Unternehmung, deren Tätigkeitsfeldübrigens keineswegs auf die Sphäre der gewerblichen Produktionbeschränkt ist, wenn sie auch hier am häufigsten sich findet, wirddadurch gekennzeichnet, daß bei ihr die Funktion der Ordnung undLeitung zwar nur vom Kapitalisten ausgeübt wird, dieser aber uichtnur als Ordner und Leiter, sondern daneben auch als technischerArbeiter auftritt. Die kleinkapitalistische Unternehmung stellt sichdamit systematisch als eine Zwitterbildung, historisch als eine Über-gangserscheinung dar: es finden sich Bestandteile der kapitali-stischen Unternehmung mit solchen der handwerksmäßigen Organi-sation gepaart.

Es scheint nun, als ob sich in vieleu Fällen der Übergang